Elsner gab alles, mehr ging nicht – 10 Jahre Haft

Die Bawag-Bank und Helmut Elsner. Am OGH Wien findet der Fall seinen Abschluss vor dem Höchstgericht. (Foto Gericht und Gefangen, 22. Dezember 2010)

(Wien, im Dezember 2010) Es obliegt künftige Leakern, den gesamten BAWAG-Akt irgendwo öffentlich zu machen. Er liegt in DVD vor, denn es ist der erste große „Digital-Akt“ und damit geeignet für Publikation im Internet. Warum wäre das sinnvoll?

Interessierte in Österreich redeten bisher nur über Elsner, weil dieser in den Medien stand. Abseits vom Gerichtsfall beeindruckte in den letzten Jahren die Treue und Vertraulichkeit der Frau Elsner zu ihrem seit vier Jahren inhaftierten Mann, die einmalig war, weil sonst in Gerichtsfällen das Gegenteil der Fall ist: Kaum sitzt ein Mann ein halbes Jahr ist die Frau weg. Bei den Elsners ist es genau umgekehrt: Je länger die Sache dauert, umso mehr hielten beide zusammen. Das muss man abseits des Justizfalles einmal festhalten.

Warum der Gerichtsakt geleakt gehörte, hätte folgenden Grund: Es scheint dem Außenstehenden – wiederum abseits der Judikatur und der Anklage – merkwürdig, dass der Auslandsösterreicher Wolfgang Flöttl keine genauen Angaben zu seiner Buchhaltung machen will. Hier hat Elsner in seiner polternden Art sicher Recht: Es ist ein Unding zu sagen, der Computer ist abgestürzt.

Helmut Elsner, seit vier Jahren in U-Haft. Im Bild mit Tochter beim Prozessauftakt. (Foto: Gericht und Gefangen, 22. Dezember 2010)

Ein Beispiel: Wenn der Computer des Herausgebers dieser Seite abstürzt, macht das nichts, da Eugene Kaspersky ein gutes Programm entwickelt hat, das die Systemdateien sichert und den Computer wieder hoch bringt. Dateien können nicht verloren gehen, da sie auf externen Festplatten alle zwei Wochen gebackupt (was für ein Wort!) werden. Und ginge es um verlorene Webseitendaten, ist auch vorgesorgt. Alle vier Wochen werden alle Webseiten einem Backup unterzogen, auf eine externe Platte gespeichert, dazu auf zwei externe Datensticks. Ein Stick werden einer Person des Vertrauenes ausgehändigt und ein zweiter an eine andere Adresse verschickt. Einfach bleiben die Daten im Haus, zweifach gehen sie an einen sicheren Ort. Wenn Wolfgang Flöttl behauptet, er könne keine Belege zu Finanzdateien rund um 700 Millionen Euro vorlegen, weil „der Computer abgestürzt ist“, dann ist etwas faul.

New York wurde nie ermittelt

Warum das Ganze nie aufgedeckt wurde, hat viele Gründe. Grund eins ist sicher die Entfernung zu New York. Das macht Ermittlungen nicht leichter. Punkt zwei ist die Sprachbarriere, es ist alles auf englisch. Punkt drei ist, dass das Ermittlungsziel im Bawag-Prozess wohl immer auf Elsner ausgerichtet war.

Elsners Anwalt Karl Bernhauser und Ruth Elsner im Publikum. (Foto: Marcus J. Oswald, 22. Dezember 2010)

Insofern kann man die Wut des Helmut Elsner durchaus verstehen. Und insofern wäre es gut, wenn sich irgendjemand in der dichten Reihe der zahlreichen Anwälte des Helmut Elsner bereit erklärt, den gesamten Bawag Akt von der DVD auf das Internet zu leaken. Das ist keine Aufforderung. Aber: Wo mehr Augen draufschauen können, etwa Detektive, Wirtschaftsspezialisten, könnten neue Ermittlungen von privater Seite entstehen. Dazu das Internet zu missbrauchen und den öffentlichen Druck zu erhöhen, wäre nicht schlecht.

Richter Rudolf Lässig senkt das Urteil um zwei Jahre an. Doch mit dem Nebenurteil wird es in Summe höher. (Foto: Gericht und Gefangen, 22. Dezember 2010)

Am 22. Dezember 2010 und am 23. Dezember 2010 war nun der offizielle Schlusspunkt im Bawag-Prozess. Das Medienaufkommen war am 22. Dezember hoch. Die Kamerateams lauerten schon seit halb Neun Vormittag auf den Hauptangeklagten. Der kam dann wie versprochen mit Pullover und Hauspatschen. Er hat zugenommen, daher passen ihm keine Anzüge mehr.

Helmut Elsner vor Beginn seiner Berufungsverhandlung. (Foto: Gericht und Gefangen, 22. Dezember 2010)

Er hat mittlerweile wieder drei neue Anwälte, die alle aus dem Zivil- und Wirtschaftsrechtsbereich kommen. Es ist keiner der drei ein sogenannter „Staranwalt“. Sie mögen gute Anwälte sein, doch im Strafrecht ist ihr Zuhause nicht.

Anwalt Jürgen Stephan Mertens mit seinem prominenten Mandanten Helmut Elsner. (Foto: Marcus J. Oswald, Gericht und Gefangen, 22. Dezember 2010)

Elsner hält ein Schlusswort, das in Medien breit zitiert wird. Es dauert über eine Stunde. Darin läßt er noch einmal Dampf ab. Einmal bezeichnet er die aktuelle Justizministerin als „kriminell“, auch den Ankläger von damals, der als Sektionschef ins Justizministerium gewechselt ist und ein Jobhopper sein dürfte, da er sich nun für das Generalsekretariat in der Generalprokuratur beworben hat. Für beide, Claudia Bandion-Ortner wie Georg Krakow fordert Helmut Elsner in seinem Schlusswort „U-Haft“. Auch das muss man subjektiv und aus seiner Sicht verstehen: Er sah in knapp vier Jahren U-Haft hunderte Leute Kommen und Gehen, in die U-Haft und aus der U-Haft, für vergleichsweise bescheidene Tatvorwürfe. Er sieht, dass Wolfgang Flöttl, der das Geld der Bawag verspielt hat, in Long Island in einer Villa sitzt (die er allerdings jetzt verkauft hat; wohl um die Bereicherung aus den Bawag-Geschäften zu verschleiern). Da steigt Grimmigkeit in Elsner hoch.

„Ich lehne mich gern hinaus!“ (Elsner zum OGH-Richter)

Der Richter fordert einmal Elsner auf, sich „nicht zu weit hinauszulehnen“, worauf dieser sagt: „Ich lehne mich aber gern hinaus.“ Er ist auch persönlich von Flöttl jun. enttäuscht, über dessen Vater er sagt, dass dieser Flöttl senior einmal Gewerkschaftspräsident war und immer für gute Ziele eingestanden ist. Nur der Flöttl junior durfte dann halt in Harvard studieren und sich als „Investmentbanker“ mit Gewerkschaftsgeld umtun.

Helmut Elsner: Er ist grimmig bei der Verhandlung. Er fühlt sich hineingelegt. Von Wolfgang Flöttl junior. Und er wiederholt, dass er nicht versteht, dass dieser seit vier Jahren auf freiem Fuss ist und straffrei blieb, was den Verbleib von rund 700 Millionen Euro betrifft. (Foto: Marcus J. Oswald, Gericht und Gefangen, 22. Dezember 2010)

Elsner darf seine Ansichten vorbringen, die nicht falsch, aber falsch formuliert sind. Vor allem aber kommen sie zu spät. Es ist unverständlich, dass man in 117 Tagen Bawag-Prozess nicht auf die Idee kam, Wirtschaftsdetektive auf den Weg zu bringen, wenn die offizielle Seite nichts hervorbringt. Das Geld wurde nur in Anwälte investiert, im Vertrauen, dass die Staatsanwaltschaft schon das Richtige tun werde, nämlich die Wahrheit zu erforschen. Jeder Staatsanwalt will aber nie Wahrheit, er will Urteile, Pluspunkte sammeln und Karriere machen. Ein Staatsanwalt ist kein Weltverbesserer. Der Aufstieg des Georg Krakow war ja beträchtlich: Vom kleinen Staatsanwalt zum Sektionschef und bald zum Generalsekretär in der Generalprokuratur. Das muss man einmal nachhüpfen. Der Bawag-Prozess war sein Sprungbrett. Nachbessern an der Anklage, Wiederaufschnüren kommt da nicht in Frage, denn das gefährdet eine Karriere.

„Wiederaufnahme!“ (Elsner nach dem Urteil)

Daher sagt Helmut Elsner am Ende: „Wiederaufnahme!“ Denn das Urteil wird zwar reduziert, von 9.5 Jahre auf 7.5 Jahre. Doch in Summe mit der „Untreue“-Strafe aus dem Plastiksackerlkredit an Gerharter, hat sich die Gesamtstrafe auf das volle Maß erhöht. Im übrigen genau so, wie es dieses Journal im Juli 2008 prognostiziert hatte.

Ab Februar 2012 ein freier Mann

Die damalige Prognose lautete auch: Elsner bekommt – nach Rechtskraft – bald mehrtägigen Ausgang. Als Strafhäftling, wohl schon im März 2011. Und: Er wird im Februar 2012 aus der JA Hirtenberg entlassen. Exakt mit der Halbstrafe. Wenn er ein Glück hat, bereits zu Weihnachten 2011. Zwischen März und der Entlassung bekommt er rund zwanzig Ausgänge. Auch das ist Fakt.

Marcus J. Oswald [Text und Fotos] (Ressort: Gerichte)

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