FTZW – Analysezentrum der Gewalt

Gefängnisse platzen aus den Drillichnähten. Hellhörige Neubauten im Garagenbausystem werden kommen. Bald fällt die Schallmauer mit 10.000 Insassen. Bis dahin bleibt das Drehkreuz in Schwung. Selten, aber doch, werden Häftlinge vor der Zeit entlassen. Mit Skepsis in das Wohlverhalten schickt sie die Justiz in eine ambulante Therapie. Zum Beispiel in die Forensische Nachbetreuungsambulanz FRANZ. Diese wurde nun in FTZW umbenannt: Forensisch Therapeutisches Zentrum Wien. (Foto: Marcus J. Oswald, 2. Oktober 2004)

(Wien, im Oktober 2004) Herbert (Name geändert) sitzt im Vorzimmer auf einem Stuhl und wartet auf seinen Therapeuten, der noch mit einem anderen Klienten beschäftigt ist. Einmal pro Woche reist er von Tulln (NÖ) nach Wien, denn „in ganz Niederösterreich gibt es eine solche Einrichtung nicht“. Der rundliche Mann tut das nicht ganz freiwillig und dennoch soll es zu seinem Wohl sein. Er wurde nach einer Straftat aus der JA Mittersteig entlassen und bekam während der Bewährungszeit vom Gericht die Weisung in eine Nachbetreuungsambulanz. Dort macht er bei Dr. Fritz Lackinger, Vorstand des Vereins FTZW (vormals: FRANZ), in der Novaragasse 9 eine Gesprächstherapie. Einmal die Woche ist jour fixe.

Klaus (Name geändert) sitzt an diesem Tag auch in der Novaragasse. Allerdings im Cafe Nega nebenan. Er brütet in der Gaststätte an einem Tisch über einem Glas Mineral und einer Zigarette. Noch ist eine Stunde Zeit bis zu seinem Termin. Er spricht langsam, hat verzögerte Bewegungen, ist misstrauisch. Auch Klaus saß in der JA Mittersteig, auch er ist beleibt. Das kommt allerdings vom schweren Neuroleptikum, das er einmal die Woche intravenös erhält. Er geht zum Psychiater Dr. Thomas Stompe, ärztlicher Leiter und Vorstand des Vereins FTZW (vormals: FRANZ).

Soda und Zigarette im Cafe Nega. Dann Haloperidol. (Foto. Oswald, 2.10. 2004)

Mit Klaus entspinnt sich folgender Dialog. Was haben Sie? „Schizophrenie“. Wie äußert sich das? „Ich habe Erscheinungen, Wahnvorstellungen.“ Wenn Sie die Spritze bekommen? „Dann nicht.“ Was bekommen Sie? „Haloperidol“. Wie wirkt es? „Man wird miad und blad.“ (Zeigt auf Bauch. Das Medikament verdickt Blutgerinnung.) Ist Dr. Stompe ein guter Arzt? „Ja, er hat mir auch beim AMS geholfen.“ Sie haben Arbeit? „Nein, das nicht.“

Psychologen und Psychiater

Herbert und Klaus sind mit ihren Ärzten zufrieden. Der eine geht zum Analytiker, der andere zum Psychiater. Ob zufrieden oder nicht, wäre aber sekundär, beide unterliegen der gerichtlichen Weisung, in die Ambulanz zu gehen. Würde diese nicht befolgt, gäbe es nur eine Alternative: Festnahme und erneut Gefängnis. Das will keiner.

Mitten im zweiten Wiener Bezirk: Gassenlokal, tiefgelegte Schaufenster, tiefgehängte Jalousien. Der goldene Schild, links vom Eingang in den Verputz der Mauer genietet. Etwas zu groß geraten: Forensische Nachbetreuungsambulanz – FRANZ. Wie ein Warnschild an der Wand.

1986 bis 10-2004: Franz. (Foto: Oswald)

Daneben hängt sei Kurzem auf weißem Computerausdruck in der Glastür ein zweiter Schild: FTZW – Forsensisch Therapeutisches Zentrum Wien. Etwas zu offenherzig ist das, denn Außenstehenden wird signalisiert: Hier verkehren Vorbestrafte! Das Eckhaus ist von beiden Seiten, Glockengasse und Novaragasse, gut sichtbar und bekommt bald die U-Bahn direkt vor der Tür. Eine neutrale Türklingel täte es dann auch.

Ab November 2004: FTZW.
(Foto: Oswald, 2. Oktober 2004)

Seit November 1996 ist die Nachbetreuungsambulanz FRANZ hier untergebracht. Was als Initiative begann, die das Justizministerium bis heute unterstützt, weitete sich zum Großprojekt aus, das die Umbenennung in Forensisch Therapeutisches Zentrum Wien (FTZW) nötig machte. Hatte man in Anfangsjahren mit knapp hundert Klienten zu tun, gehen heute über 400 ehemalige Haftentlassene aus und ein. Sie kommen sowohl aus dem Regel- wie aus dem Maßnahmenvollzug.

Justizfinanzierte Therapiestelle

Laut Tätigkeitsbericht 2003 werden in der ärztlich-psychiatrischen Ebene des FTZW 71 Haftentlassene unter Leitung von Dr. Thomas Stompe medizinisch betreut. Psychiater Stompe wurde am 27. Jänner 2004 mit Beschluss des Wiener Landtags nach „Krankenanstaltengesetz“ bestellt. Er ist zugleich Oberarzt im Psychiatrischen Krankenhaus Wien und Oberarzt in der JA Göllersdorf. Ihm assistierten Fachkollegen Dr. Benda und Dr. Ortwein-Swoboda, stv. ärztlicher Leiter der JA Göllerdorf.

2003 kamen auf psychiatrischer Ebene zur Betreuung der Haftentlassenen noch 51 Arztkontakte in Justizanstalten dazu, vornehmlich in die JA Göllersdorf, aber auch in die JA Mittersteig, JA Favoriten und die LNA Gugging. Als Haupt-Diagnose wurde mehrheitlich paranoide Schizophrenie festgestellt. Bei den Anlassdelikten führen Körperverletzung vor Eigentumsdelikte mit Gewalt und Sexueller Missbrauch von Unmündigen die Liste an.

Die psychotherapeutische Schiene des FTZW leitet der in Wien-Mariahilf niedergelassene Sexualtherapeut Dr. Fritz Lackinger. (Foto: Oswald 10/2004)

Das Psychologen-Team (drei Analytiker) wendet jährlich 2.500 Therapiestunden für Interventionsgespräche mit 350 Haftentlassenen auf. Die Klienten werden aus unterschiedlichen Bereichen zugewiesen: 65,7% vom Justizsektor (Gerichte), 14,9% von Neustart, 11,2% von psychosozialen Einrichtungen des Gesundheitssystems und 8,2% von niedergelassenen Therapeuten oder Rechtsanwälten. Jährlich stoßen 40 neue Klienten dazu, andere Therapien laufen aus. Die jüngste Klientin ist erst 16,2 Jahre alt, der älteste zählt 72 Lenze. Das Altersmittel beträgt 40,3 Jahre. Frauenanteil: 10 %.

2003 überwogen bei den Anlassdelikten die Sexualdelikte (36,1%). 135 abgeurteilte Gerichtsfälle nach klassischem § 207-Delikt (Sexueller Missbrauch von Unmündigen) wurden im FTZW psychologisch nach betreut. Gefolgt von schweren Gewaltdelikten (24,1%) und Tötungsdelikten (15,7%). Als Haupt-Diagnosen stellten die Seelenexperten 140 Mal Pädophilie, 84 Mal Persönlichkeitsstörung und immerhin 67 Mal die Modekrankheit Borderline fest.

Festigung der Psyche – Laufen im Nachtdienstrad

Die Ambulanz, die aus drei Behandlungsräumen besteht, will strafrechtlich Verurteilte nach ihrer Haft psychisch festigen. „Fast die Hälfte der Klienten hat schwere Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“, so der Verein. Vor allem bei ehemaligen Langstrafigen aus dem Normalvollzug nach verhaltensauffälligen Tötungsdelikten will man Risikomerkmale eindämmen. Dazu wurde eine Krisenintervention mit einer Telefonnummer einrichtet, die immer erreichbar ist.

Innenansicht Forensisch Therapeutisches Zentrum Wien. (Foto: Oswald, Oktober 2004)

Doch man will gar nicht zu hierarchisch auftreten, weil das bei ehemaligen Häfenbrüdern, die im Vollkontakt mit Institutionen des Staates standen, ein unsensibler Weg wäre. Distanzierte Professionalität des Beratungsgespräches ist das eine. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, bietet der Verein FTZW-Klienten auch einmal die Woche gemeinsames Laufen in der Prater Hauptallee an.

Nachtdienstrad in Josefstadt

FTZW ist zudem in den Justizanstalten vor Ort engagiert. Im Juli 2004 übernahm der Verein die Trägerschaft über das Institut für Gewaltforschung (IGF), das bisher im Alten AKH beheimatet war. Das IGF ist auf kriminalpsychologische Diagnosen spezialisiert und erstellt etwa 20 Gutachten im Jahr. Seit Dezember 2003 bespielt man ein ärztliches Nachtdienstrad in der Justizanstalt Josefstadt. Die Verwaltung und Organisation der Nachtdienstärzte in Österreichs größtem Gerichtsgefängnis obliegt dem IGF und nun dem neuen Dachverein FTZW.

Druck auf Klienten

Änderung von deviantem Verhalten ist kein Morgenspaziergang, sondern ein Marathonlauf. Daher ist das Minimum der Therapiedauer auf drei Jahre festgelegt. In dieser Zeit ruht auf den Klienten viel Druck. Die verlockende Gefahr des Therapieabbruches schwebt im Raum.

Konkrete Zahlen über „Drop Outs“ gibt der FTZW nicht bekannt. Doch die vorbeugenden Maßnahmen bleiben streng. Das beginnt bei der Berichtspflicht. Klient Herbert aus Tulln zum Beispiel muss monatlich eine Bestätigung über die Fortsetzung der Therapie brieflich an seinen Vollzugsrichter schicken. „Mit eigenem Porto“, wie er sagt. Bei Zuwiderhandeln droht Haft. Einmal vergaß er im Sommer den Brief abzusenden, obwohl er wöchentlich in der Ambulanz war. Prompt wurde er vor sein Bezirksgericht geladen und scharf befragt, ob er die Therapie noch besucht. „Da stand es auf der Kippe. Der Druck der Justiz bei einer verordneten Therapie ist enorm. Ich dachte, die verhaften mich wieder. Der Antrag der Staatsanwaltschaft lag bereits vor.“

Dazu kam es dann nicht. Um dem Strafwiderruf zu entgehen, fuhr Herbert sicherheitshalber drei Jahre lang kein einziges Mal auf Urlaub, verließ Österreich nie und erreichte eine Präsenzquote – Krankheiten und Terminkollisionen abgezogen – von 85%. Damit lag er höher als der Gesamtschnitt aller Klienten bei FTZW (rund 80%).

„Compliance“ zeigen

In der psychologischen Wissenschaft gilt Compliance als das aktuelle Zauberwort. Compliance (dt.: Einverständnis) zeigt ein Mensch, der sich einer Therapie fügt und aktiv mitarbeitet. Böse Zungen und progressive Kreise deuten das als Unterwürfigkeit und Devotie vor Göttern in Weiß. Freilich meint eine jüngste Veröffentlichung des FTZW, dass die Rückfallsquote unter ehemaligen Straftätern dann stark nachlässt, wenn Compliance und Therapieannahme vorliegt. Dazu gehört nicht nur Gesprächsoffenheit, sondern auch Strukturakzeptanz der wöchentlichen Termine.

„Compliance zeigen“ bedeutet für ehemalige Rechtsbrecher dennoch Überwindung. Vor allem mit Klienten, die sich in ihrem Strafverfahren „nicht schuldig“ bekannt hatten, gestaltet sich eine Therapie kompliziert, weiß man im Verein.

Eine Schwierigkeit wußte schon Sigmund Freud: Psychotherapie funktioniert nur dann, wenn der momentane Leidensdruck so groß wird, dass der Mensch freiwillig seine Abgründe mit einem Partner analysieren will. Staatliche Therapie hat zwei natürliche Hürden: Erstens ist sie aus Klientensicht nicht freiwillig, sondern verordnet.

„Leidensdruck“ liegt in Vergangenheit – Haft dazwischen

Zweitens liegt der Leidensdruck, der die Straftat auslöste, mitunter tief in der Vergangenheit. Zwischen Urteil und Therapie liegt eine mehrjährige Haft mit vielen Ereignissen, die den ursächlichen Leidensdruck dick ummantelt. Den Urkonflikt wieder auszugraben, ist mühevolle Aufgabe des Psychologen. Das gelingt nur, wenn der Exhäftling es auch will.

Herbert aus Tulln kennt diese Probleme. Er schließt seine Therapie zu Ostern ab. Dann sind drei Jahre wöchentliche Anreise nach Wien um. Am Anfang tat er sich schwer. Mit Psychologen hatte er keine Erfahrung. Im Prozess bekannte er „nicht schuldig“. Er saß vier Jahre in Haft. In der Therapie öffnete er sich erst nach einem Jahr. Heute fühlt er sich nicht nur besser, er besprach in über 120 Sitzungen auch Grundlegendes zu seinem Leben. Vieles konnte er unter professioneller Gesprächsbegleitung neu ordnen. Sein Ziel: Ohne die alten Dämonen leben. Dafür hat er gute Aussichten.

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Der Verein wurde am 4. November 2004 offiziell von FRANZ (Forensische Ambulanz) in FTZW (Forensisch Therapeutisches Zentrum Wien) im Bundesministerium für Justiz umbenannt.

(Beitrag ist Erstveröffentlichung. Dieser Beitrag wurde Ende Oktober 2004 für die „Wiener Zeitung“ ausgearbeitet. Anlass des Beitrages war eine Umgebennung des Vereins nach acht Jahren in Forensisch Therapeutisches Zentrum Wien. Die „Wiener Zeitung“ war an einem Überblicksartikel interessiert. Er gefiel dann aber nicht und wurde nicht gedruckt. Er wurde auch nicht bezahlt. Der Beitrag blieb in der Schublade des Herausgebers liegen. Anderen Zeitungen, danach kontaktiert – genannt hier Augustin, Die Presse oder Die Furche gefiel der Beitrag nicht. Sie lehnten eine Veröffentlichung ab. Im Dezember 2004 wurde beschlossen, nach zahlreichen nichtbezahlten und nichtgedruckten Beiträgen eine eigene Webseite aufzumachen: Sie wird im 15. Jänner 2005 starten und trägt folgenden Namen: „Blaulicht und Graulicht“. Der Beitrag wurde am 22. Jänner 2005 dort veröffentlicht – und 2010 am neuen Portal „Gericht und Gefangen“. Es war einer der ersten Artikel auf „Blaulicht und Graulicht“ überhaupt.)

Marcus J. Oswald (Ressort: Therapieeinrichtigungen)

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