Bilderbuch-Strafvollzug – Schweizer Anstalten im Innenwinkel

Die Zelle als kleinste Einheit des Lebens. (Foto: Peter Schulthess, Repro: Oswald)

(Wien, im Mai 2008) Am 7. Juni 2008 beginnt die EURO 2008, Kommerzshow des Fussballverbandes UEFA, in Österreich und der Schweiz.

In Österreich zeigt die Polizei demonstrativ Muskeln und rechnet mit 500 (!) Verhaftungen täglich. Im März und April 2008 wurden Häftlinge „umgeschichtet“, um in den Hotspot-Gefängnissen der Austragungsorte Innsbruck, Klagenfurt, Salzburg und Wien Freibetten zu haben.

In der Schweiz sind keine solche Zahlen bekannt. Die Herausgeber-Schwester ist für den spanischen Konzern NH-Hoteles Direktorin eines 4-Sterne-Hotels in Fribourg (französischsprachige Schweiz). Sie beschreibt die Schweizer als friedliebend. Sie machen teure Uhren, gute Schokolade, sind UNO-Sitz und in 27 Kantonen Urdemokraten.

Offene Demokratie Schweiz

Die Eidgenossen zeigen auch Transparenz: Sie erlaubten die Veröffentlichung eines Bildbandes „Hinter Gittern – Gefängnisse und Justizvollzug in der Schweiz“.

Damit sind die Schweizer die Guten. Österreich kann hier nicht mithalten. Es gibt Gefängnisse nicht zu knapp. 28 Stück und eines im Neubau (Wien). Knapp sind Bildbände zu den weißen Flecken der Architekturgeschichte. Im Regal findet sich gerade einmal ein Fotobuch zur Justizanstalt Leoben, ein Feigenblattprojekt der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft), das zeigen soll, was man herzeigen darf – weil es nagelneu (2005) ist.

Einen Bildband gibt es zur Justizanstalt Wels (Titel: „Alltag im Gefängnis“). Das, weil in Wels ein Fotograf lebt, der auf das Projekt im Jahr 2000 bestand. Christian Graf machte Schwarzweißfotos in grobem Korn.

Sonst liegen keine Innenweltfotobände aus Österreich vor.

Reise durch 24 Gefängnisse

In der Schweiz begab sich der Fotograf Peter Schulthess auf Reisen und machte Fotos.

Er kam durch sieben Strafhäuser (Pöschwies, Lenzburg/ältestes Gefängnis der Schweiz seit 1864, Thorberg, Bostadel, Hindelbank, La Stampa und eines mit Namen Etablissements de la Plaine de l‘ Orbe).

Er zog durch vier offene Anstalten (Witzwill, Bellechasse, Saxerriet, Realta) und durch drei Maßnahmenanstalten (St. Johannsen, Kalchrain, Basel) sowie fünf Polizei- und Untersuchungsgefängnisse und fünf Bezirksgefängnisse.

Grundriss mal Aufriss = Kubikmeter Luft

Seine Produktionstechnik: Er fotografiert mit einer Spezialkamera die engen Zellen aus der Vogelperspektive und zeigt, was der Frosch erlebt. Der Grundriss ist nichts für große Füße: Acht Schritte vor, drei zur Seite. Grundriss mal Aufriss ist Volumen: 48 Kubikmeter Luft zum Überleben.

Justizanstalten sind keine öffentlichen Orte, haben keinen Parteienverkehr und brauchen keine Werbung oder Öffentlichkeitsarbeit. Die Kernfrage bleibt: Wozu soll man sie bewerben? Warum sollten Gefängnisse in einem Bildband sichtbar sein?

Reformgeist der kleinen Schritte

Den Schweizern geht es nicht um Werbung, sondern um den Grundsatz, dass jedes Jahrhundert seine Gefängnisreformen hatte. Die Form des „staatlich organisierten Zwangs“ (korrekte Definition von „Strafe“) ist Spiegelbild der Zeit, die man grob so zusammenfassen könnte:

Im 18. Jahrhundert war Strafen Blutspektakel für den kleinen Mann am Jahrmarkt zur Stützung der Autorität des Fürsten. Die Gefängnisse waren in katastrophalem Zustand. Viele Häftlinge überlebten zwei Jahre Haft nicht.

Im 19. Jahrhundert diskutierten gebildete, philanthropische Kreise in Angloamerika über die Abschaffung der Todesstrafe als Frage der Zeit. Man richtete Gefängnisse auf längere Haftstrafen ein.

Im technologischen 20. Jahrhundert kamen ausgeklügelte Neubauten hinzu, die Verwahr- und Kontrollsysteme verfeinerten und unsichtbar machten. Gleich blieb, dass Gefängnisse in ihrer uniformen Klarheit den steingewordenen Staat repräsentieren.

Im 21. Jahrhundert wird Diskussion werden, wie man den Staat auflöst und mit Fußfesseln, sozialer Arbeit und Vollzugslockerungen dem Haftübel den Schrecken nimmt.

All das ist in funktionelle Raumgestaltung und Architektur aufgelöst. Die anzusehen lohnt. Darum gibt es Bildbände.

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Peter Schulthess. Hinter Gittern – Gefängnisse und Justizvollzug in der Schweiz. Bildband, 88 Franken (56 Euro). 208 Seiten, 2006.

Marcus J. Oswald (Ressort: Justizanstalten, Buch, International, Schweiz)

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