Musikprojekt der Bewährungshilfe – vor 16 Jahren (1994)

1994 brachte der Verein Bewährungshilfe eine CD mit österreichischen Musikern heraus: Kurzschluss.
(Foto: Archiv Oswald 1090/Blaulicht und Graulicht-Archiv)

(Wien, im September 2010) Rückblende 1994: Der heutige Verein „Neustart“ hieß noch „Verein für Bewährungshilfe und Soziale Arbeit“ (VBSA) und hatte sein Büro in der Castelligasse 17 in 1050 Wien. Damals betreute man Haftentlassene so effektiv oder ineffizient wie heute. Der Unterschied zu heute: Die ehemalige Bewährungshilfe heißt nun Neustart, ist weitgehend durchakademisiert mit Diplomsozialarbeitern (DSA) und psychologischen Akademikern (Magister). Ohne Titel geht heute in der „Sozialarbeit“ nichts mehr, da die Struktur der Sozialarbeit verbürokratisiert wurde.

Lawine rollt weiter: 70 Prozent mehr Sozialhilfeausgaben allein in Wien (1998-2008)

Die öffentliche Sozialhilfestatistik der „Statistik Austria“ reicht nicht weit genug zurück. Doch von 1998 bis 2008 stiegen allein in Wien die Ausgaben für Sozialhilfe von 549 auf 928 Millionen Euro, also um 70 Prozent. Jeder Sozialingenieur der justiznahen Hilfseinrichtungen weiß, dass diese Lawine nicht aufzuhalten ist – und, dass sie in überregulierten Staaten mit zu vielen Straftatbeständen selbst verursacht wird. Wer überreguliert, schafft Verurteilungen in zu vielen Nebenbereichen des Lebens und folglich Sozialfälle. Auch ein Mitarbeiter der Bewährungshilfe weiß, dass wenig zu bewegen ist. Asylwerber, Kleinkriminalität und unlösbare Suchtgiftproblematik reißen tiefe Löcher in die Sozialausgabenstatisik, da diese Leute nach strafrechtlichen Verurteilungen bewußt und gezielt oft Jahrzehnte von der Tasche des Staates leben.

Möglicherweise war in den 1990er Jahren das soziale Engagement der Bewährungshelfer persönlicher gestaltet. Heute ist es durchtechnisiert. Die meisten haben nicht die Zeit, die sie bräuchten, geben es aber nicht zu, da sie sonst ihren Job los sind und durch einen nachrückenden Diplomsozialarbeiter ersetzt werden.

1994 war der Verein Bewährungshilfe motiviert. (Foto: CD Kurzschluss)

1994 gab die Bewährungshilfe eine sozialkritische CD heraus. Die Frage nach dem pädagogischen Sinn lässt sich mit der Schärfung des Bewusstseins erklären. Damals war noch Zeit für solche Projekte. 16 Jahre später macht die Bewährungshilfe (modern: Neustart) das, was der vormalige Sozialminister Buchinger „Broschürenpolitik“ nannte. Man macht Broschüren im Verkündigungston der akademischen Bescheidwisser, aber keine solidarischen Projekte mehr. Man stellt klug klingende Thesen zur Gewalt zusammen, die Studenten am Juridicum beeindrucken, und zahlt sich für glatte Image-Plakate Werbeagenturen, die am Beauty-OP-Tisch des Apple mit dem Photoshop 4 letzte Grobheiten magazintauglich abtupfen. Für das Mainstream-Design durch hochbezahlte „Artdirektoren“ wird ein Jahresbudget bereitgehalten und das nächste Jahr kommt bestimmt. Die allgemeine Wirkung verpufft. Die Folder und Broschüren werden durchgeblättert und zur Seite gelegt.

1994 machte man etwas anderes: Eine CD. Sie hieß „Kurzschluss“. „kurz.schluss.handlung, wenn nach der Handlung ‚kurz‘ Schluss ist“, ließ sich ein Werbetexter für die Rückseite der CD einfallen. Durchaus eingängig. Die CD ist ein Teamwork österreichischer Musiker, die Texte vertont haben, die sozialen Absturz zum Thema haben. Ebenso enthalten: Lakonische Kabaretttexte (Mini Bydlinski) und sozialkritische Lieder von Sigi Maron (Textzeile über einen Häftling, der Sehnsucht nach Freiheit hat: „Owa wann i frei bin/ owa wann i frei bin/ geh i bis Alaska nockat durchn Schnee!“

21 Lieder wurden durch den Verein Bewährunghilfe zu einer CD kurzgeschlossen. (Foto: Cover)

1994 hat man den Kontakt zu Künstlern noch gesucht und gefunden. Alle machten kostenlos mit und haben ein Lied zur Verfügung gestellt. Ob aus Solidarität, Eitelkeit oder persönlichem Engagement sei dahin gestellt. Dabei sind Wiener Lied- und Seelenexperten wie Roland Neuwirth, Hansi Lang (ex. 2008), Wilfried, Georg Danzer (ex. 2007), Schönheitsfehler, Mo, Bluespumpn, aber auch Ludwig „Wickerl“ Adam, der in den 1970er Jahren die Hallucination Company gründete. Er sagte kürzlich, dass viele Musiker in den Reihen seiner Langzeitband große Probleme mit harten Drogen hatten und, dass das zu vielen Schwierigkeiten in deren Biografien führte. Insoweit sind manche Künstler oft bessere Sozialpraktiker als die angelernten Sozialingenieure heutiger Zeit, die von der Bürokratie in den eigenen Reihen eindeckt sind. Trotzdem wird der Rat bei Künstlern nur allzu selten eingeholt.

Diese Musiker machten 1994 kostenlos mit. Eine Platte entstand. (Foto: Booklet)

Seit 1994 ist nach Wissenstand dieses Journals keine Musik-CD mehr vom Verein Bewährungshilfe herausgebracht worden. Es war ein einmaliges Projekt, eine Verbindung zwischen Kunst und justiznahem Geschehen, an dem alle kostenlos mitgearbeitet haben. „GERICHT und GEFANGEN“ weist ohne äußeren Anlass darauf hin, weil ein stiller Helfer der Webseiten die CD aus 1994 am 1. September 2010 zum Geschenk gemacht hat.

Er meint, dass die Rarität im Archiv der „Blaulicht-Journale“ besser aufgehoben ist als auf einem Flohmarkt. Womit er sicher Recht hat.

Marcus J. Oswald (Ressort: Therapieeinrichtungen, Musik)

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