Knast-Block – Der Blog aus dem Knast

Diese Tapete wurde einem österreichischen Häftling im Gefängnis Huntsville gemacht, wo er zehn Jahre zubrachte. Er bloggt nicht, sondern das tut ein deutscher Häftling. (Foto: Pichler)

(Wien, im Dezember 2009) Die Geschichten aus den Haftanstalten klingen alle gleich. Leider. Es kann nicht jeder Ulrike Meinhof und Andreas Baader sein und aufrüttelnde Manifeste an die Gesellschaft richten. Die Monotonie der Geschichten aus den Haftanstalten liegt an der realen Ereignislosgkeit im Umfeld und dem hohen Anspruch der Leser, die im Tempo des gesellschaftlichen Lebens stehen. Daher wirken die Themen „aus dem Gefängnis“ meist grobkörnig, verlangsamt wie in Zeitlupe. Damit man sie dann lesen will, müsste der Schreiber ein besonders begabter Lyriker, Dichter oder Philosoph, etwa Antonio Negri, sein. Oder er schreibt seine Lebensgeschichte in Raten – im Internet.

Knast-Block

Das macht ein Deutscher, der sieben Jahre bekommen hat, und noch fünf Jahre abzusitzen hat. Er entschloss sich, über einen Freund, der mittlerweile entlassen wurde, einen Blog einzurichten. An diesen schickt er in Briefform seine Blogeinträge und der Freund tippt sie ins System.

Somit ist das kein richtiger „Knast-Block“. Denn ein richtiger Knast-Blog müsste live aus Huntsville (Texas) und zwar aus der Death Row (Todestrakt) oder aus San Quentin (Kalifornien) oder aus der Geschlossenen Abteilung in Stein (Niederösterreich) gepostet werden. Und zwar in Echtzeit und bis zum Letzten Abdruck (letztes Posting, bevor die Giftspritze ins Fleisch fährt). Um die Existenz zu verstehen, muss man der Existenz ins Gesicht sehen.

Per Postbote

So aber geht es langsamer. Es greift der Postboste die Postings an, bevor sie der Leser sieht. Der deutsche Häftling schreibt seine Blogeinträge auf seinem Haftraum, kuvertiert sie, schickt sie weg und erst Tage später landen sie im Internet. Aber: Immerhin. Es ist ein Versuch, ein engagiertes Langzeitprojekt zu werden. Derzeit ist der „Knast-Block“ erst zwei Monate online. Man kann einige persönliche Dinge lesen. Etwa, dass die Beziehung zu seiner Freundin noch zwei Jahre während der Haft hielt, dann aber vorbei war. Er schreibt: „Unsere Beziehung hatte trotzdem knapp über zwei Jahre Haft überstanden. In dieser Zeit hat mich meine Ex-Freundin aber auch sehr viele Nerven gekostet und wir hatten viel Streß. Sie hat in dieser Zeit aber auch sehr viel mich getan, was ich ihr immer noch hoch anrechne. Ich denke heute, dass es für uns beide das Beste war uns zu trennen. Ich kenne niemanden, dessen Beziehung eine so lange Haftzeit überstanden hätte. Das funktioniert einfach nicht.“

Lebensgeschichte im Netz

Mittlerweile schwört er auf einen guten Freund, den er in Haft kennengelernt hat und der ihm diese Beiträge ins World Wide Web stellt. Begonnen hat er seinen Knast-Block am 12. Oktober 2009. Er eröffnete so: „Bevor ich mit dem Schreiben beginne, möchte ich Euch einiges über meine Person mitteilen. Aus Gründen des Datenschutzes möchte ich anonym bleiben. Ich werde hier keine Namen nennen und auch nicht mitteilen, in welcher Haftanstalt ich mich derzeit befinde. Ich bin männlich, 30 Jahre alt und befinde mich das zweite Mal wegen Einfuhr und Handel mit Betäubungsmitteln in Haft. Das erste Mal wurde ich im September 2001 verhaftet und zu einer Jugendstrafe von 4 Jahren und 10 Monaten verurteilt. Von dieser Strafe habe ich 3 Jahre und 6 Monate abgesessen. Ich wurde vorzeitig auf 2/3-Termin entlassen. Das war im März 2005.“

Nach (erster) Haft war vor (zweiter) Haft

Dann: „In der ersten Zeit nach der Entlassung, habe ich ein ganz normales Leben geführt und mich um meine Mutter und Schwester gekümmert. Die beiden hatten mich während meiner Haftzeit regelmäßig besucht und unterstützt. Ich bekam Arbeitslosengeld vom Arbeitsamt, da ich vor meiner Inhaftierung gearbeitet hatte und die Zeit wurde angerechnet. Da ich solange in Haft war und somit lange Zeit nicht mehr in meinem Beruf als Fahrzeuglackierer gearbeitet hatte, war es sehr schwer einen Job zu finden. Vorstellungsgespräche waren möglich, aber spätestens da kam meine Haftzeit zur Sprache und dann war kein Chef mehr bereit mich einzustellen. Mit Ex-Häftlingen will halt kaum jemand etwas zu tun haben.“

Neuerlich sieben Jahre drauf

Fazit: „Ich wohnte in dieser Zeit bei meiner Mutter in einem Haus und musste keine Miete zahlen. Somit reichten die 800 Euro Arbeitslosengeld erst einmal. Nach einem halben Jahr lief das Arbeitslosengeld aber aus und ich musste Hartz 4 beantragen, da ich immer noch keine Arbeit gefunden hatte. Wie es dann weiter ging, können sich viele vielleicht schon denken! Aber darüber schreibe ich im nächsten Artikel.“

Ja. Die neue Haft läuft noch fünf Jahre. Und davon kann man nun jeden zweiten Tag im Internet lesen.

Wo? Im Knast-Block. Auf: www.das-knast-blog.blogspot.com

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Update: Wie sich bei einer Nachschau Anfang Mai 2010 heraus stellt, war es doch nur ein kurzes Aufflackern. Seit November 2009 sind keine neuen Beiträge mehr am „Knast-Blog“. Entweder ist dem guten Mann das Schreiben zu schwer gefallen oder er hat die Lust verloren. Dieser Blog blieb demnach ein temporäres Experiment in der Bestanddauer von zwei Monaten im Oktober und November 2009. (mjo)

Marcus J. Oswald (Ressort: Webseiten)

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