Gefängnistheater – Vollzugsdirektion Wien greift in Besetzungszettel ein

Uniformität und Gleichmacherei wünscht sich der österreichische Vollzugschef, Karl Drexler, der im Geheimen agiert. Selbst die Delikte für Akteure eines Theaterschauspiels müssen gleich sein, sonst dürfen sie nicht mitspielen. Keiner darf aus der Reihe tanzen. Wie in diesem Wohnhaus beim Diana-Bad in Wien, wo jeder ein gleich großes Fenster hat. (Foto: Marcus J. Oswald)

Theater

Ins Licht treten.
Die Treffbaren. Die Erfreubaren.
Die Änderbaren.

[Bert Brecht, Gedichte/1949]

(Wien, im August 2009) Theaterinitiativen in Gefängnissen, mit Personen, die in Gefängnissen sitzen, gibt es europaweit. Es ist das Leibthema des Herausgebers dieses Journals. Irgendwann hatte er vor Jahren eine wissenschaftliche Diplomarbeit an der Universität Wien zu diesem Thema angemeldet. Doch die Forschung kam nie zu einem Ende, weil es kein Ende hat. Das Thema ist unerschöpflich.

Große, faszinierende, idealistische Intitiativen zum Thema „Gefängnistheater“ gibt es jedenfalls in Berlin (allen voran seit zehn Jahren AufBruch, deren Aufführungen in den Feuilletonseiten der großen Berliner Tageszeitungen besprochen werden als wäre es „normales Theater“). Große Ideen zu Laientheater mit Häftlingen gibt es in Bologna, Paris. Gelegentlich gab es auch in Österreich, etwa Wien, seit 1995 eine Zeit lang in Gefängnissen Aufführungen von Stücken, bearbeitete, selbstgeschriebene, übersetzte, die unter der Führung von freischaffenden Regisseuren in Monate langer Probenarbeit mit Häftlingen auf die Beine gestellt und zur Aufführung gebracht wurden. Die Aufführungen finden entweder in den Veranstaltungssälen der Justizanstalten statt oder in freien Bühnen außerhalb der Justizanstalten. Geschieht es außerhalb hat das den Vorteil, dass in den Zeitungen ein sozialpsychologischer Ton in der Berichterstattung einkehrt und neben der Theaterkritik auch die Reflexion über Sinn und Unsinn von staatlich organisiertem Zwang (=Haft) nicht zu kurz kommt. Die Tradition des „Gefängnistheaters“ als kreative Lösung eines beengenden Problems geht bis in die 80er Jahre zurück, als immer wieder in Phasen von Liberalität einige wohlgesonnene Gefängnisdirektoren mehr zuließen als das Gesetz vielleicht erlaubt. So kam Heinz Karasek ins Schreiben und Dichten. Jack Unterweger betrieb gleich eine Literaturzeitschrift in der Justizanstalt (und fand später Großverlage wie Fischer für seine Bücher). Frodl durfte in Garsten auch einiges machen (90er Jahre).

Internationale Darbietungen

Auf ARTE lief 2006 einmal eine Dokumentation über ein schwedisches, experimentelles Gefangenentheaterprojekt, in dem hauptsächlich schwierige, reduzierte Stücke von Samuel Beckett umgesetzt wurden. Und zwar außerhalb der Haftanstalt. Dabei geschah es einmal, dass auf der Tournee kurzzzeitig zwei Akteure „abhanden gekommen“ waren. Sie hatten sich abgesetzt und die Truppe, die auf jeden Schauspieler und seine Rollen angewiesen ist, drohte zu zerfallen. Kurzfristig war die Aufregung groß. Doch nach einer Woche tauchten die beiden wieder auf und schlossen sich der Theatertruppe wieder an. Die Aufregung legte sich und die Tournee wurde zu Ende gespielt.

So sieht das in Deutschland aus, wenn Gefängnistheater gemacht wird. In Österreich ginge das nicht, denn die Vollzugsdirektion, die sich hinter einer bürolosen Adresse ohne Parteienverkehr verschanzt, macht sich schon ins Hoserl, wenn vier verurteilte, im Regelvollzug befindliche Mörder in einem Schauspiel mitmachen. Deshalb kommen die gewagteren Theaterinitiativen auch aus Deutschland und nicht aus Wien und Umgebung. In Wien geht man bei solchen Initiativen vor jedem Zweispalter der Kronen Zeitung, die natürlich dagegen wäre, in die Knie. Wo schwache Gemüter regieren, kommt auch nie große Kunst heraus. (Foto: JVA Berlin-Tegel, Theaterprojekt)

Enttäuschender Wiener Beschluss

Umso enttäuschender ist nun der Beschluss der Wiener Vollzugsdirektion, der am Wochenende bekannt wurde. Nach acht Monaten Probenzeit des Theaterschauspiels „Gerettet“ von Edward Bond. Manfred Michalke ist der Impressario, der das Stück mit Häftlingen aus Gerasdorf (Jugendgefängnis/Niederösterreich) und Schwarzau (Frauengefängnis/Niederösterreich) auf die Beine gestellt hat. Acht Monate Probenzeit brachten das Werk zur Aufführungsreife. Akteure sind dramaturgisch und darstellerisch begabte Insassen der beiden Haftanstalten. Am 17. September 2009 ist Premiere. Die Folgeaufführungen sollten in den Häusern „St. Pöltner Bühne“, „Stadttheater Berndorf“ und „Akzent-Theater“ der Arbeiterkammer Wien stattfinden. Das Projekt wurde vor zwei Jahren angemeldet und befürwortet. Doch nun, kurz vor der Darbietung des Eingeübten machte der öffentlichkeitsscheue Leiter der Vollzugsdirektion den Künstlern einen Strich durch die Rechnung. Karl Drexler verfügte, dass vier Schauspieler, die an allen Proben über die letzten acht Monate beteiligt waren, nicht an den Außenaufführungen in St. Pölten, Berndorf und Wien teilnehmen dürfen. Grund: Die vier Personen sitzen wegen Mordes. Lapidare Begründung des öffentlichkeitsscheuen Vollzugschefs: „Wir wollen nicht, dass Mörder in der Öffentlichkeit auftreten“. Nun, da hat er Recht. Wer will das schon. Aber was weiß der Beamte, der auf Staatskosten lebt, schon?

Theaterkunst ist Nachahmungskunst

Vielleicht bräuchte der Vollzugschef eine kleine theaterwissenschaftliche Nachhilfeeinheit, die man ihm gerne gibt. Dabei lassen wir die komplizierten Theatertheorien etwa von Erwin Piscator, Martin Esslin, Antonin Artaut, Manfred Pfister, Erwing Goffman, Peter Szondi, Augusto Boal, Peter Brook, Giorgio Strehler einmal zur Seite. Bleibt immer noch unter dem Strich das Kernmerkmal des Theaters: Nicht der „Mörder“ tritt in der Öffentlichkeit auf, sondern der Schauspieler als „Rollenträger“. Schauspiel ist nach Aristoteles, dem Begründer der weltweit einfachsten und ersten Theatertheorie, die versierte Kunst der „Nachahmung“. In der „Poetik“ des Artistoteles, Abschnitt zwei, heißt es: „Im allgemeinen scheinen es zwei, und zwar natürliche Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst (Aristoteles wendet es analog auf Schauspielkunst an) hervorgebracht haben. Denn der Nachahmungstrieb ist dem Menschen von Kindheit angeboren, und dadurch unterscheidet er sich von den übrigen lebenden Wesen, dass er am meisten Lust zur Nachahmung hat, und dass er seine ersten Fertigkeiten durch Nachahmung erwirbt. Und dann haben alle Menschen Freude an der Kunst der Nachahmung.“ Nun mag stimmen, dass vier wegen Mordes verurteilte Personen im Stück von Edward Bond mittun. Sie tun es aber nicht als Mörder, sondern als Rollenträger dieses Stückes. Es tut daher wenig zur Sache, im rein künstlerischen Sinn gesprochen, wer der Rollenträger in der realen Welt ist. Für das Theater und seinen Erfolg zählt, dass er – um mit obigem Zitat von Brecht zu sprechen – ins Licht treten will, treffbar ist, erfreubar ist und änderbar ist. Was ja bei einem Kapitaltäter weit wichtiger ist als bei einem Kleindieb. Sollte das der Fall sein, und der Regisseur hat acht Monate mit diesen Leuten gearbeitet und vorbereitet, sollte er auch mitspielen dürfen. Was die Leute über die realen Personen hinter den Rollenmasken denken, ist egal. Theater lebt vom Ensemblegeist und vom Ergebnis der Nachahmung.

Mörder dürfen keine mitspielen

Wie wenig Wiener Justizbeamte verstanden haben, zeigt der Beschluss, dass „Mörder“ nicht im Schauspiel mitwirken dürfen. Daher wird Wien als Theatertopos nie Bologna, Paris oder Berlin werden. Dort haben die Theaterinitiativen und Gefängnisse auch Webseiten und zwar seit Jahren. Auch so ein Rückstand, den man in Österreich nicht und nicht aufholen will. Man hat eben ein unentspanntes Verhältnis. Das schafft nie Gutes.

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Marcus J. Oswald (Ressort: Justizanstalten)

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