Die Vergessenen – Juan Carlos Bresofsky-Chmelir seit 30 Jahren durchgehend in Haft

Juan Carlos Bresofsky-Chmelir - JA Garsten - 30 Jahre in Haft.

(Wien, im September 2008) Er behauptet – wohl nicht zu Unrecht: Die österreichische Staatsjustiz will ihn im Gefängnis sterben lassen und verhängte über ihn Zensur.

Juan Carlos Bresofsky-Chmelir zählt zu den großen Vergessenen im österreichischen Haftalltag. Er ist 59 Jahre alt und durchgehend seit 30 Jahren in Haft. Sein Delikt war, dass er in den 70er Jahren als Halbwüchsiger einige Bank- und Postüberfälle begangen hat. Bei einem gab es einen Schusswechsel und ein Postbeamter starb nach 8 Tagen an den Verletzungen. Bekannt wurde er mit seinem „Protestsitzstreik“ auf dem hohen Dach der Gefängniskirche der Justizanstalt Garsten in Oberösterreich vom 31. Mai bis 1. Juni 1983. Zwischen 1983 und 1992 war seine „politische Phase“ in der er Schwächen des Justizvollzugs aktiv aufzeigte. Er sah sich geistig von der „RAF“ bestimmt.

Geboren wurde Juan Carlos Bresofsky am 8. Juni 1949 in Rocha/Uruguay. Da sein Vater Halbjude war, floh seine Familie aus Österreich in den 1930er Jahren dorthin. Im Juni 1962 wanderte seine Familie wieder nach Österreich (Wien) zurück. Er war 13 Jahre alt und die „Verpflanzung“ aus seiner Geburtsheimat empfindet er heute noch als Grund für eine kriminelle Entwicklung. Der Vater betrieb zwar ein Hotel in Wien, aber der Jugendliche litt unter dem Migrantenschicksal. Auch störte ihn die „Nazi-Gesinnung“ mancher Wiener, auf die Juden besonders sensibel reagieren.

In den 70er Jahren folgten einige wenige Diebstähle, nichts Großes. 1978 Postüberfälle mit einem Anschlussmord. 1980 gab es „lebenslang“ und eine Überstellung nach Garsten.

1983 war die spektakuläre Protestaktion am Dach der Gefängniskirche in Garsten. Danach wurde er in das Hochsicherheitsgefängnis Karlau überstellt.

Am 2. August 1989 gelang ihm ein Ausbruch aus der Justizanstalt Graz-Karlau und die Flucht. Auf der Flucht kaperte er jedoch akkurat das Auto der Ehegattin eines Oberregierungsrates der steirischen Landesregierung. Er stellte sich in Klagenfurt. Es gab 18 Jahre Zusatzstrafe am LG Graz. Eine Verlegung ins andere Hochsicherheitsgefängnis folgte – nach Stein. Er richtete sich dort nach Maßgabe ein.

2004 war die Steiner Zeit abrupt zu Ende. Er sieht die Verbindung zu seiner Zeugenaussage im Fall des Schwarzafrikaners Edwin Ndupu vom 19. August 2004, wo er gegen die Vollzugsbeamten aussagte.

Er wurde „über Nacht“ in die JA Garsten verlegt. Er sieht sich nun als „Staatsfeind“.

Er schrieb am 9. September 2008 an dieses Journal einen längeren Brief mit Aufzeichnungen.

Der Schlussteil wird veröffentlicht (Originalton: Bresofsky; Zwischentitel, Dickhervorhebungen: B&G).

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„Haben der Staat und die Justiz das Recht auf Rache und justizpolitischer Verfolgung aus niedrigen Gründen?“

Heute bin ich nun 59 Jahre alt, 30 Jahre ununterbrochen in Haft und bis zum heutigen Tage durfte ich im Gefängnis nicht an Lernkursen oder Therapien teilnehmen. Es wird mir weiterhin nicht einmal ansatzweise die Möglichkeit dazu geboten, geschweige denn von einer Entlassungsvorbereitung nach § 145 StVG.

Ich kann sogar behaupten, dass kein anderer Häftling die Härte des Vollzuges derart zu spüren bekam wie ich. Nämlich jahrelange Isolationshaft und sonstige Haftverschärfungen, weil ich für Mithäftlinge durch meine Kritik am Vollzug infektiös sei (Beschluss des LG Krems GZ 22 Ns 107/91).

Kein Arschkriecher

In der Haft war und bin ich nie ein Häftling gewesen, der Justizbeamten in den Hintern kroch, um eine gute Führung vorzuspielen, sei es in der Vorabsicht einer bedingten Entlassung, sei es um Hafterleichterungen und Vergünstigungen. Und wenn es notwendig war, dann ließ ich mir nie einen Maulkorb verpassen, sagte und schrieb meine Meinung und Kritik.

Mag sein, dass sich die (mediale) Öffentlichkeit durch Schreibtisch-Journalismus im Vollzug eine Scheinwelt von der Justizwache und den Vollzugsbehörden vorführen ließ. Ich lebte und setzte mich wiederum mit der harten Realität des Gefängnisalltags auseinander – und diese ist eine irre Welt, heute verschärft durch psychisch/geistig Kranke (§ 21 StVG) und Rauschgift- und Drogensüchtige (§ 22 StVG), was wiederum und im engsten Raum eines Gefängnisses die Dekadenz der so genannten modernen (Konsum-) Gesellschaft drastisch widerspiegelt.

Gute Führung kein Maßstab

Eine gute Führung in der Haft ist kein Maßstab und Garantie für Erst- oder Resozialisierung eines Straftäters. Dies beweist schon die immense Rückfallsquote österreichischer Straftäter, die in Europa einzigartig hoch ist – und dem Vollzugssystem ein Armutszeugnis ausstellt.

Obwohl meine Flucht aus der JA Graz-Karlau vom 2. August 1989 nun 19 Jahre zurückliegt und ich seither keinen Fluchtversuch mehr unternahm (kein Häftling würde in der Tat 19 Jahre warten, wenn er Fluchtabsichten und nichts mehr zu verlieren hätte), ist das Gefängnispersonal heute noch in einer Art und Weise von mir voreingenommen und befangen, teils auch aus Interessenkonflikten wegen meiner negativen Meinung über die Praktiken des Vollzuges, dass ich in Frage stelle, ob sie einer objektiven Beurteilung der nunmehrigen Entwicklung und Stand meiner Person in der Lage sind.

„Du weißt zu viel“

Darüber hinaus hege ich den Verdacht, das sie meinen Tod in der Zelle anstreben, um meine Person endgültig mundtot zu machen. Unlängst sprach ich mit Justizbeamten unabhängig voneinander und der eine sagte zu mir im Vertrauen: „Du hast gegen denen oben Geist gebildet. Die haben Angst vor Dir, weil Du zu viel weißt.“ Und der andere: „Du bist ihnen geistig, psychisch und körperlich noch zu fit.“ Und der dritte: „Die haben jetzt Angst, dass wegen Dir ah so ah Politisierung kommt, wie wegen der Terroristin Mohnhaupt und Klar in Deutschland. Die machen dort ah so ah Theater, während Du bei uns schon fast dreißig Jahre sitzt.“

Ich bin zutiefst überzeugt, heute nicht mehr für die Gesellschaft gefährlich zu sein, wie ich es früher in der Tat einmal war, nunmehr und möglicherweise aber selbst gefährdet zu sein.

Dabei bin ich heute zutiefst überzeugt und sicher, meine kriminelle Vergangenheit endgültig abgelegt zu haben und nunmehr ein positiver und gefestigter Charakter und Persönlichkeit zu sein mit festen Vorsätzen und Zukunftsperspektiven.

Herz liegt in Uruguay

Nämlich: In mein Heimatland Uruguay zurückzukehren, wo ich mit der abrupten Verpflanzung nach Österreich im Alter von 13 Jahren mein Herz und meine Seele zurückgelassen habe – und um das Kapitel Österreich für mich endgültig abzuschließen.

Ich habe die Haftzeit nicht sinnlos vertan und – zugegebenermaßen anfänglich, um in der Isolationshaft nicht verrückt zu werden – mein Leben Revue passieren lassen. Ich habe diese geistig und psychisch verarbeitet und meine Memoiren geschrieben.

Selbst Anstaltspsychologen und Psychiater, die ich früher in meiner Protestzeit als Verfechter und Handlanger eines inhumanen Vollzuges kritisierte und denen ich vorwarf, in Wirklichkeit die Missstände mit totzuschweigen und die davon profitiert haben, weil sie nur eine Beamtenkarriere unter der Pseudonym „Psychologe“ vor Augen hatten, sind heute noch derart voreingenommen von mir, dass sie mir das Gespräch verweigern.

Auf der Anstaltskirche der Justizanstalt Garsten machte Juan Carlos Bresofsky Anfang Juni 1983 Sitzstreik.
(Foto: Gericht und Gefangen/Blaulicht und Graulicht - Das unabhängige Online-Magazin seit 2005 aus Wien)

So ist zum Beispiel der heutige Anstaltsleiter Dr. Minkendorfer der JA Garsten kein geringerer als der seinerzeitige vertragsbedienstete Anstaltspsychologe der JA Garsten, als ich am 31. Mai bis 1. Juni 1983 eine Protestaktion am Dach der Wallfahrtskirche Garsten vollführte.

Ich bin nunmehr über 30 Jahre ununterbrochen in Haft und nicht einmal ansatzweise ist hier die Rede von Beginn einer Entlassungsvorbereitung.

Ich ersuche daher Vertreter der GESELLSCHAFT einzuschreiten.

Ich bin bereit, in jeder Hinsicht Antwort und Rede zu stehen, erwünschte Ergänzungen und Fakten vorzulegen und wäre für Objektivität und jede kleine Hilfe sehr dankbar.

Juan Carlos Bresofsky-Chmelir
9. September 2008
(Insasse der JA Garsten)

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Marcus J. Oswald in (Ressort: Justizanstalten, JA Garsten, Lebenslang, Briefe ans Journal)

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