Jan de Cock saß in 66 Gefängnissen

Dieser Mann ist Belgier und saß in 66 Gefängnissen auf fünf Kontinenten.
(Foto: B&G-Archiv)

(Wien/Globus, im Mai 2008) Willst Du etwas wissen, geh hin und fühle wie es sich anfühlt!

Justizanstalten haben auf manche eine faszinierende Wirkung wie auf andere Schlösser und Burgen. Der 44-jährige Belgier Jan de Cock war Weltreisender in Sachen Gefängnis. Schwerkrimineller ist er keiner, aber Zeitreisender mit einem gewissen sozialen Interesse. Er wollte in möglichst vielen Gefängnissen testsitzen.

Mit 39 Jahren begann er die Vorbereitung seiner einjährigen Tour de Prison. Er plante sie wie eine Bergtour. Drei Jahre lang schrieb er 200 Briefe und Anträge an Gefängnisdirektoren und Hilfsorganisiationen in der ganzen Welt. Ergebnis: Zwischen Europa und Afrika übernachtete er in 66 Gefängnissen. Die Dokumentation verlief akribisch. Es wurde ein Buch draus: „Hotel hinter Gittern. Von Knast zu Knast.“ Seine Philosophie: Er ist nicht für die Abschaffung der Gefängnisse, aber „der Häftling muss im Vordergrund stehen, nicht die Bestrafung.“

Atmosphärische Unterschiede – Gemeinschaft und Einzelhaft

Auf Reisen stellte De Cock viele Dinge fest. Zunächst atmosphärische Unterschiede. Wohl sei die Lage ungünstig, wenn man in Afrika mit 30 Personen oder mehr auf einer Zelle sitzt. Doch das ist ihm lieber als im Fuchu-Gefängnis bei Tokio, in dem 2.000 Personen allesamt in Einzelzellen einsitzen. „Totenstille“ herrsche dort und der Rundgang im Hof erfolgt im Stechschritt. Die Hausordnung schreibt dort sogar die Schlafhaltung vor.

De Cock saß im gefährlich eingestuften Tomlinson-Gefängnis in Simbabwe mit 59 Schwarzen auf einer Zelle. Als einzige Toilette diente ein Eimer. Anfangs war das Klima frostig – da er das einzige weiße Schaf unter Schwarzen war und in klarer Unterzahl. Doch mit der Zeit erlebte er genau in diesem Gefängnis vitale Gemeinschaft: Insassen spielten eine parodistische Einlage einer Gerichtsverhandlung, mit weißen Unterhosen am Kopf statt der Perücke, und hatten auf ihre Weise Spaß.

Strenge Afrika-Gefängnisse

In einem Gefängnis im Kongo erlebte er eine Maßregelungsaktion durch die Justizwache. Einem Insassen wurde ein Bein, ein Arm und mehrere Rippen gebrochen. Im Zentralgefängnis in Ruanda wurde er selbst durch einen Häftling angegriffen. Dieses Gefängnis ist auf 2.500 Personen dimensioniert. Es nimmt im Bauch aber 6.400 (!) Häftlinge auf, wovon, so sagte ihm der Gefängnisdirektor, „wahrscheinlich 4.000 schuldlos“ hier sind. Dennoch sei in afrikanischen Gefängnissen eines kaum zu finden: Selbstmord. Dafür ist das Essen gewöhnungsbedürftig: Einmal hatte er in Afrika drei Wochen Durchfall – wohl durch schlechte Kost.

Selbstverwaltetes Gefängnis in Guatemala

In Guatemala-Stadt gibt es laut De Cock ein „selbst verwaltetes Gefängnis“. Im El Pavon hat eine Junta aus fünf Männern vor zwei Jahren den Laden übernommen, seither meidet der Direktor das Gelände. Wie weit ein Gefängnis, in dem Faustrecht herrscht, legal ist, ist ungeklärt. Legalität ist in lateinamerikanischen Ländern oft nur eine Frage der Perspektive. Ein Mann, der seine Schulden nicht zahlte, wurde in eine Starkstromleitung geworfen – er war tot. Der Vorgänger des aktuellen Junta-Führers wurde mit über 120 Stichen abgemurkst.

Väterfreundliches Gefängnis in La Paz

Lateinamerika ist jedoch nicht gleich Lateinamerika. In Argentinien gibt es Gefängnisse mit westeuropäischem Standard, in denen ein Fernstudium erlaubt ist. Leute holen ihren Schulabschluss nach oder beginnen ein Studium. In Bolivien gibt es drei Gefängnisse, die einen Kindergarten haben. Im Gegensatz zu Europa bleiben dort die Kinder während der Haftzeit bei ihren Eltern. In La Paz steht laut De Cock das einzige Gefängnis der Welt, in dem auch sorgepflichtige Väter ihre Kinder bei sich haben. Das San Pedro-Gefängnis von La Paz ist das größte von Bolivien und es ist ebenso „selbst verwaltet“. Ausgelegt auf 380 Insassen wird es von 1.300 bevölkert, darunter 200 Kinder von Insassen. Werden die Kinder schulpflichtig, gehen sie unter Tags „draußen“ in die Schule und kommen am Abend wieder zum Vater „nach Hause“!

Peru – Haftanstalt 4.600 Meter über Meeresspiegel

Familiär geht es auch im Lurigancho-Gefängnis von Lima (Peru) zu. Es wird etwas für richtige Männer geboten. Einmal pro Woche werden tausende Prostituierte ins Gefängnis gelassen, damit auch diese Sache zum guten Ende kommt. Freilich, das ist auch nötig: Denn unter den spärlich vorhandenen Berichten zum berüchtigten Lurigancho-Gefängnis sticht einer von Amnesty International (1999) hervor. Demnach wurde dieses „Haus“ für 1.200 Personen errichtet, doch leider sind dort 6.300 Strafgefangene eingesperrt. Trocken heißt es in einem Amnesty-Bericht: „Die Lage des Gefängnisses in einer abgelegenen Gegend im Hochland der Anden in einer Höhe von mindestens 4600 Metern (!) über dem Meeresspiegel macht regelmäßige Besuche von Familienangehörigen, Verteidigern und Geistlichen praktisch unmöglich.“ Gut, dass zumindest einmal pro Woche käufliche Damen kommen – und der Nuevo fließt.

Größtes indisches Gefängnis in Neu Dehli

Zu Jan de Cocks Highlights gehörte Indien. Im größten Gefängnis Asiens bei Neu Dehli sitzen 12.000 Personen ein. Dort geht es gesitteter als in Peru zu – es wird auf extreme Weise der Religion gehuldigt. Meditationsseminare für Wärter und Häftlinge führen dazu, dass es zehn Tage am Stück vollkommen still im Gefängnis ist. Dort werden auch regional ansässige Spezialitäten zur Verköstigung angeboten – Heuschrecken und Ratten. De Cock kam zum Schluss, dass manche Ratten durchaus nahrhaftes Fleisch haben – und schmecken.

USA-Gefängnisse „bizarr“

US-Gefängnisse empfand der Gefängnisreisende De Cock aus Belgien als „bizarr“. Überreguliert sei vieles und von Überwachungswahn dominiert. Schon das Miss-Verhältnis der Eingesperrten zur Bevölkerung verheißt nichts Gutes. In Europa sitzen 90 von 100.000 Bewohnern. In den USA 740 von 100.000. Ziffern und Statistik sagen wenig. Doch wenn der Faktor acht Mal so hoch ist, stimmt etwas am Gesellschaftssystem oder besser am Justizsystem nicht.

Das größte Gefängnis der Welt liegt vor New York:
Rikers Island. (Foto: Web)

Bei New York sah er das Rikers Island, das er als das (vermutlich) größte Gefängnis der Welt bezeichnet. 17.000 Personen sind dort inhaftiert (Vergleich: Österreichs wichtigste Strafanstalt, JA Stein: 800). Das Gefängnis platze aus allen Nähten und Gefangene werden auch auf schwimmende Behelfsplattformen ausgelagert, die aus der Ferne wie Iglus aussehen. In den USA sei eine Besonderheit die Gefängnisuniform – die es in Afrika oder Lateinamerika aus Kostengründen nicht gibt. In Houston (Texas) sah er eine christliche Haftanstalt, in der alle Insassen ganz in Weiß durch die Gegend laufen – nicht wie üblich in Orange. Generell haben in den USA auch die Gürtel eine Bedeutung. Die Gürtelfarbe gibt Auskunft über die Schwere des Delikts.

Knastrituale

Natürlich haben alle Haftanstalten unterschiedliche Begrüßungsrituale, stellte De Cock fest. In Südafrika und Chile klatschen sich Häftlinge gegenseitig ab – allerdings Faust gegen Faust! In Afrika (Kongo) drücke man drei Mal sanft die Stirn zur Begrüßung aneinander. Dieses Ritual kann allerdings zäh sein und lange dauern, so man in eine Zelle mit 59 Schwarzafrikanern als Neuzugang dazu stößt.

Vieles ist anders, manches gleich. In einem Gefängnis bei Genf haben die Häftlinge ihren eigenen Schlüssel. In einem Gefängnis in Norwegen dürfen die Insassen die Wärter duzen. Selbstmorde geschehen dort, wo Haftbedingungen schlecht und Häftlinge trotzdem isoliert bleiben. Wenn die Nestwärme fehlt, geben einige auf. Wobei auch illegale Drogenexperimente eine Rolle spielen. In russischen Gefängnissen ist die Selbstmordrate hoch, aber auch in der österreichischen Anstalt Stein gehen viele am Umfeld zu Grunde. De Cock weiß davon zu berichten, dass im EU-Zentralland Belgien erst 2006 innerhalb von zwei Wochen drei Häftlinge den Freitod wählten.

Insgesamt gilt überall: Haft ist ungesund.

Mahlzeit!

Apropos Gesundheit: Sie geht durch den Magen. Das beste Essen gab es nach seiner Erkundung in Melbourne (Kanada): Dort gäbe es die Auswahl zwischen vier Menüs täglich. Kein Vergleich mit Chile, wo er auf seiner einjährigen Rundreise oft nur verschimmelte Bohnen erhielt. Oder Afrika, wo es Tradition ist, dass die Familie von Außen für die Verpflegung des Häftlings sorgen muss – doch mehr als 50 Prozent der Insassen keinen Besuch bekommen.

Die Welt der Gefängnisse ist wenig erforscht.

Jan de Cock machte mit dem Erfahrungsbericht „Hotel hinter Gittern“ einen Anfang. Doch auch er stieß auf Grenzen. So wiesen ihn fast alle europäischen Häuser ab. Auch China durfte er, warum wohl, zum Probesitzen nicht bereisen.

Marcus J. Oswald (Ressort: Justizanstalten, International)

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