Stummer is back – Anwalt fordert 100.000 Euro (von Rep. Österreich)

(Wien, im September 2006) Der Wiener Altmeister des gewerblichen Einbruchs, Ernst Walter Stummer (68), ist zu 50 % wohlauf. Zu 50% sitzt er beim Arzt. Zu 100% sitzt er als Jahrgang 1938er beim Jobcoaching des AMS. Zu 100% ist er noch immer mit seiner Jahrgang 1976er Lady verheiratet. Für 200 Euro erwarb er einen Laserdrucker bei „Moneypoint“, der im Ausgleich war, und druckt seither seinen „Partnerkatalog“ direkt. Sein Anwalt Dr. Armin Bammer begehrt 100.000 Euro via European Court of Human Rights in Strasbourg – „an appropriate compensation of minimum EUR 100.000,00“. Because „Ernst Walter Stummer is violated in his rights“.

Ernst Walter Stummer, heute 68, Wien: Hier beim Fototermin Ende 2003 noch Freigeher der JA Simmering vor einem leeren Kassenschrank an einem realen Einbruchstatort. Der Schrank könnte sich für ihn bald mit Geld füllen. (Foto: Sepp Zaunegger)

Der langen Reihe nach: Zuerst ein Privatbrief an den Herausgeber. Damit man wieder auf dem Laufenden ist (mit ausdrücklichem Veröffentlichungsgebot durch Stummer):

Hallo Herr Oswald, lieber Marcus!
– Wien 30. August 2006 –

Danke für Ihren Brief vom 27. d. M.! Mein Pfarrer Othmar sandte mir am 3. Juli 2006 ein SMS und teilte mir mit: Außendiensttelekomberater für Sicherheitsfr. Fixum 2080.- 0664-489 97 98.

Ich rief an und wurde zu einer Firmenpräsentation an der Autobahnraststätte Großram (etwa 30 km nach Wien) geladen, wo mich ein Kunde meines Singlekataloges hinbrachte. Zurück nahm mich ein Teilnehmer der Präsentation mit. Ich hätte gleich wenige Tage später mit einen Seminar beginnen können, aber ich hatte kein Auto, um nach Großram zu kommen und kam daher erst etwa 3 Wochen später per Autostopp zum nächsten 2-tägigen Termin. Es waren nur etwa 4 Teilnehmer gekommen und das Seminar dauerte bis etwa 18 Uhr am Abend. Der zweite Tag sollte nach der 3-tägigen Einschulung erfolgen.

Ewig arbeiten?

Etwa 2 Tage später begann die Einschulung mit Herrn Benesch (Tel. 0664/997 23 30) in Gerasdorf. Ich bekam nichts dafür, aber Herr Benesch für die Einschulung 15.- EUR oder so. Die Einschulung war sehr interessant. Als Kontaktperson bekam ich Herrn Wendler (Tel. 0664/517 16 15) zugewiesen, der mir auch später alle Formulare etc. bringen sollte etc. Am Tag darauf sollte ich mit einem anderen Telekomverkäufer zur Einschulung mitfahren, aber als ich in der Früh Herrn Benesch anrief, sagte mir dieser, der Mann wäre krank und er hätte sonst niemand.

Am 23. September 2006 wird Stummer 68 Jahre alt –
Derzeit im AMS-Jobcoaching

Am Montag des 7. August 2006 hatte ich meinen Jobcoachingtag und ich fragte meinen AMS-Berater Herrn Mag., der mich mal im Fernsehen sah und sich sehr um mich bemühte, ob ich den Jobcoaching (Heisst jetzt Job-Express) mitmachen muß, wo ich doch bei Telekom eingeschult wurde. Er erklärte mir, ich muß dem AMS zur Verfügung stehen, sonst würden mir bis zu 6 Wochen meine Arbeitslosengelder gestrichen…. Ich sagte das Herrn Wendler und der sagte, ich soll lieber zum Jobcoaching gehen, denn es wäre ja nicht sicher, ob ich nach der Einschulung aufgenommen werde, bzw. ob ich geeignet wäre. Er wollte das mit seinen Chef, der das Seminar leitete, Herrn (Name fällt mir momentan nicht ein), besprechen. Sein Chef rief mich einige Tage später an, als ich gerade beim Jobcoaching war und sagte mir, er muß mit der Direktion bei Telekom reden, ob sie mich nehmen können, weil ich ja vorbestraft bin. Seither hörte ich nichts mehr von ihm…

Arztbesuche

Beim Jobcoaching habe ich eine sehr, sehr nette und hübsche 38-jährige charmante Trainerin, die Magister der Psychologie ist und in Korneuburg eine Praxis führt. Sie macht den Kurs, weil sie dann einen Vertrag mit der Krankenkasse bekommt. Trotzdem macht mir der unnötige Blödsinn keinen Spaß, denn das hatte ich ja schon mal vor ca. 1 1/2 Jahren! Ich werde halt mehrere Arztbesuche während des Kurses machen, denn ich habe einige gesundheitliche Probleme. Meine Füße und Beine schmerzen, wenn ich viel gehe. Scheißen kann ich auch schwer. Ich nehme viele Medikamente, was mir gar nicht gefällt. Wenn man bis zu 50 Prozent weg ist wegen Krankheit, muß man den Kurs nicht nochmals machen.

Job-Express ist wieder beim Institut Venetia Breitenfurterstrasse 6 Wochen lang Mo, Di, Do und Freitag und jede Woche eine Stunde Einzelchoaching. Also noch bis Mitte September. Dadurch mache ich meinen Singlekatalog auf Sparflamme. Mit dem Sicherheitsmagazin komme ich gar nicht weiter.

Ich kaufte mir um 200.- EUR bei Moneypoint einen Laserdrucker CLP 500 Color, und der druckt den gesamten Katalog in Farbe so aus, dass ich ihm nur heften muß. Was die Toner kosten, weiß ich noch nicht.

Ehe seit 4. August 2005 – Noch kein Sex – Besserung in Aussicht!

Das Büro in der Heiligenstätterstrasse habe ich noch. Maribel absovierte einen 3-monatigen Deutschkurs und in ihrem Zertifikat steht, sie hat mit Erfolg abgeschlossen, obwohl sie fast nichts Deutsch kann. Sie (Ehefrau, Anm. MJO) beginnt angeblich am 4. September 2006 bei Mc Donalds zu arbeiten. Sex gibt’s noch immer nicht, aber sie ist schon etwas lockerer und ich hoffe, dass es auch bald Sex gibt. Sie ist allerdings noch immer total herzig, wie ein kleines Kind und ich muß über sie deshalb viel lachen. [siehe auch: Stummers Hochzeit]

Sie können dieses Schreiben scannen und veröffentlichen. Von Dr. Bammer erhielt ich das beiliegende Schreiben. Das Schreiben der Kommission vom 5. April 2006 gab ich Ihnen vermutlich. Grüße Ernst

Soweit also der Brief.

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Auszug aus Brief an EGMR vom 25. Juli 2006: Für Stummer wird viel Geld gefordert. (Quelle: Archiv Oswald)

Stummers Wiener Anwalt Dr. Armin Bammer (www.b-k-m.at) korrespondiert indessen seit langem mit dem „European Court of Human Rights – Council of Europe“ (67075 Strasbourg / Frankreich). Die letzten Briefe gingen im Juni und Juli 2006 hin und her. Die Republik Österreich (Justizministerium) wurde bekanntlich aus Strasbourg aufgefordert, eine Stellungnahme in der Sache einzubringen, was im Frühjahr 2006 sehr ausführlich und elegisch auch geschah.

Das ist bemerkenswert. Ernst Walter Stummer hat 19 Vorstrafen, er saß 30 Jahre in Haft. Vor geraumer Zeit wollte der Herausgeber dieser Seite Stummer in einem eigenen Verfahren als Zeugen beantragen, aber die Richterin Bettina Neubauer sagte: „Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich einen 19 Mal Vorbestraften als Zeugen zulasse. Abgelehnt.“

Nun, eben dieser „19 Mal Vorbestrafte“ zwang die Republik Österreich erstmals zu einer ausführlichen Stellungnahme zum Versicherungswesen von Häftlingen. Nachzulesen ist die Stellungnahme hier.

Darauf schrieb Armin Bammer am 25. Juli 2006 einen Widerspruch in englischer Verkehrssprache nach Frankreich. Darin geht er mit der Analysefähigkeit des Österreichischen Justizministeriums hart zu Gericht, nur ein Zitat:

„The observation of the Agents of the Austrian Government does not adress the issue of the application and the violation of the Convention but gets lost in irrelevant details like the (un-)systematics of the social insurance law or the alleged essential „voluntariness“ of work as a precondition for the compulsory pension insurance.“ (Zu deutsch und vereinfacht: Das Österreichische Justizministerium – namens Regierung – betreibt Themenverfehlung und Ablenkungsmanöver.)

Am Ende der sechs Seiten langen Eingabe an das Europäische Gericht meint Anwalt Bammer, dass auf Grund von vielen Beweisen eine so schwer wiegende Rechtsverletzung an Stummer vorliegt, dass für die beharrliche Nicht-Pensionsversicherung über einen langen Zeitraum eine Entschädigung von Minimum 100.000 Euro gerechtfertigt ist.

Der Rechtsstreit dauert seit 1999. Beim Europäischen Gericht ist er seit 2002 anhängig.

Marcus J. Oswald (Ressort: Haftentschädigung)

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