Nehmen macht selig – Hedwig Thoman

Hedwig Thoman aus Wien-Margareten hält unter Österreichs Delinquenten den ewigen Rekord. Sie saß 56 Jahre hinter Gitter, obwohl sie eine Kleinkriminelle war. Sie stahl anderen Menschen die Geldbörsen und blieb als Taschendiebin eine unbelehrbare Einzelgängerin.

Das Slivererban: Hedwig Thoman

(slivern = (jidd.) stehlen, ban = Frau)

Text: Marcus J. Oswald, 2005 (alle Rechte vorbehalten)

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(Wien, im November 2005) Wenn man von Alten Wiener Ganoven spricht, meint man Männer, wenn man Alte Wiener Unterwelt sagt, eine Gruppe von mehreren Ganoven. Die „Organisationen“ der Nachkriegszeit hießen in den 50er Jahren Platte, in den 60er Jahren Partie, später Bande. Banden hatten die Eigenschaft, dass sie wie Bühnen-Ensembles die Besetzung häufig wechselten und das gemeinsame Auftreten variierten. Mit dem Effekt, dass eine Wiener Bande in den 60er Jahren nie länger als ein Jahr zusammen blieb.

Männerbanden bestanden aus Leuten, die eine Lekische (Bruch), eine Kerndlhacken (Juwelier), eine Schlagerlei (Wechselbetrug), eine Passerei (Hehl), eine Brieftaube (Geldboten) oder einen Gelben (Tresor) machten, und die aus unterschiedlichen Gründen keinen bürgerlichen Beruf ausübten und im weiten Bogen um das Finanzamt Geschäfte machten. Mit solchen hatte Hedwig Thoman nie etwas zu tun. Nicht, weil sie Frau war oder in kein organisiertes Männergefüge mit den ungeschriebenen Codizes gepasst hätte. Es widersprach einfach ihrer Vorstellung von Kontinuität. In der Wiener Kriminalhistorie gibt es keine Figur, die soviel Deliktstreue bewies. Sieben Jahrzehnte blieb sie monogam dem Taschendiebstahl treu. Damit nimmt die Einzelgängerin einen Sonderplatz ein.

Sieben Jahrzehnte „Deliktstreue“

Thoman operierte in einem Gewerbe, das 200 Jahre alte Tradition hat. Sie war das Slivererban (weibliche Taschendiebin) der Wiener Ganovengeschichte. Das Slivern, das Zupfen von Geldbörsen aus fremden Taschen, war ihr Metier. Sie machte es nicht sehr gut, aber immer wieder. Damit teilte sie ihr Schicksal mit vielen internationalen Trickdieben: Sie wurde nie reich und blieb unbekehrbar.

Die „Trickdiebnummer“ gehört im Varieté zu jeder Magier-Aufführung. Das Ablenken, das Gleiten der Finger in Rocktasche oder Hosensack, die Annahme der Beute und Präsentation zum Gaudium des Publikums. Was in der Manege Spaß ist, ist in der Realität bitterer Ernst. Doch die Zweifingerkunst ist Demonstration höherer Psychologie. Ein altes Sprichwort sagt: „Man stiehlt mit Hirn und Auge, nicht mit Fingern.“ Ein Taschendieb folgt den Gesetzen, die Rudolf Sieverts in seinem „Handbuch der Kriminologie“ zusammen fasste:

  • 1. Erkundung von Opfer und der zu erwartenden Beute.
  • 2. Überwindung der räumlichen Distanz zwischen Dieb und Opfer.
  • 3. Überwindung der Zone der Wachsamkeit.
  • 4. Der eigentliche Stehlakt.
  • 5. Der Verbleib der Beute.

Taschenkrebs.

Wer das umsetzt, ist „Scherenmacher“. Schlägt den Daumen, vierten und fünften Finger ein, greift mit Zeige- und Mittelfinger zu. Wie ein Krebs. Oder „Taschenkrebs“. Eben.

Polen – Mutterland der Taschenkrebse

Historisch kamen die besten Taschendiebe aus Polen. In Lemberg wurden viele Trickdiebe an einer an der Decke hängenden Puppe ausgebildet. Hedwig Thoman setzte die polnische Tradition fort. Sie wurde 1885 in Krakau in eine kinderreiche Familie mit elf Geschwistern geboren. Durch Armut bestand keine Aussicht auf sozialen Aufstieg. Die meisten Familienmitglieder endeten in Alkohol oder Selbstmord. Bereits die Mutter war Kleptomanin. Da nach dem Philosophen Gottfried Leibnitz „die Natur keine großen Sprünge macht“, fiel der Apfel nicht weit vom Stamm. Klein-Hedwig begann während der Schulzeit mit Taschenziehereien an Mitschülern. Lange kam sie mit Verwarnungen davon. Als sie 16 war und bereits in Wien wohnte, wurden ihr die langen Zähne auf fremdes Eigentum zum Verhängnis. Den Langfinger packte der noch längere Arm der Justiz.

Erstmalig Landesgericht Wien mit 16 Jahren

Im November 1901 saß Thoman drei Tage im Wiener „Landesgericht Eins“. Das Gebäude an der Alserstraße 1 sollte sie noch oft von Innen sehen. Beim ersten Aufenthalt im „Landl“ wurde auf die Trennung von jugendlichen und alten Häftlingen noch verzichtet. Die „Chronik der Seelsorger des Grauen Hauses 1834 – 1972“ weiß, dass erst 1904 im B-Trakt des Hauses die „Abteilung für jugendliche Häftlinge“ eröffnet wurde. Thoman kam drei Jahre zu früh und saß drei Tage zu lang. Sie war der kriminellen Ansteckung durch Erwachsene ungeschützt ausgesetzt.

Zu dieser Zeit wurde im „Landl“ auch noch munter gehenkt. 50 Jahre vor Abschaffung der Todesstrafe in Österreich regierten Gruselgeschichten den Gefängnisalltag. Das „Landl“ ist nicht nur auf einem Friedhof errichtet, ab 1873 wurden Todesurteile auch im Innenhof vollstreckt. Ein Jahr vor Thomans erster Haft machte die k&k – Justiz einer 30-jährigen Wienerin ein Ende, die ihr Kleinkind verhungern ließ. Da das Kind fünf Jahre zuvor im Inquisitenspital des „Landl“ geboren worden war, war die Blutgeschichte unter weiblichen Insassen großes Thema. Der 16-jährige Teenager Thoman erfuhr Details aus erster Hand.

Kriminelle Prägung auf Raten: Das Gefängnis kalt, die Hafträume mit 30 Personen belegt. Urin in den Zellen, Nässe am Gang. Karge Mahlzeit. Erwachsene rauchten Tee statt Tabak. Die Zeit stand nur drei Tage still für das Mädchen aus Krakau. Doch wenn man von Haftübel spricht, steht fest, dass das Übel danach begann. Das Mädchen setzte ihre Trickdiebstähle fort und begann eine „Laufbahn“. Sie bestätigte, was das Wochenblatt „Allgemeine Österreichische Gerichts-Zeitung“ in einem Artikel zu „Gefängnisreformfragen“ am 12. Juli 1902 vorhersagte: „Niemand glaubt ernstlich daran, dass die eigentlichen Zuchthäusler durch die Strafe gebessert werden können.“

Wenig Beute – viel Schmalz

Hedwig Thoman wurde 90 Jahre alt und verbrachte nur 18 Jahre ihres erwachsenen Lebens in Freiheit. Sie stahl kleine Börsen, ihre Gesamtbeute überstieg keine 10.000 Schilling. Dennoch schlugen sich die Strafen zu Buche. Als sie im November 1971, siebzig Jahre nach ihrem ersten Arrest, zum 27. Mal wegen Taschendiebstahls vor dem Richter stand, lag ein Leben voller Irrtümer hinter ihr. Die Witwe und Mutter eines Kindes saß bereits 55 Jahre und 10 Monate in Haft!

Davonlaufen unmöglich

Einen Ausweg, ein Weglaufen gab es auch diesmal nicht. Flucht wäre schon unmöglich gewesen, da sie sich kaum am hölzernen Gehstock halten konnte. In knöchellanger, schwarzer Kutte, verantwortete sie sich bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt vor Gericht. Ein Geldbörsendiebstahl am Meidlinger Markt. Sie stahl einer Hausfrau 140 Schilling.

Thoman glich einer gottergebenen Büßerin in der Kirche. Schlohweißes Haar, die Augen starrten tränenblind ins Leere. Obwohl es ihr 27. Prozess war, war die Greisin erschüttert wie beim ersten Mal. Den Mund verdeckte sie während der Verhandlung mit einem Taschentuch. Sie sprach nicht viel, bat nur um einen „kurzen Prozess“. Trotz 26 einschlägiger Vorstrafen ließ der Richter Milde walten: Er gab 18 Monate Kerker und setzte die Strafe altersbedingt aus. Das „Muatterl“, wie sie im Volksmund hieß, sollte ins Altersheim. Alle Anwesenden im Gerichtssaal ahnten, dass es das letzte Mal war, dass es die stadtbekannte Elster vor Gericht stand. Man wollte die 86-Jährige nicht mehr bei Gericht sehen.

Motiv: Lust am Stehlen?

Was war Thomans Motiv? Sie war Notstandsfürsorgerentnerin und fand mit 2.400 Schilling Pension Auslangen. Sie hatte keine große Familie und lebte bescheiden. Erklärungen, warum sie Diebstähle beging, hatte sie selbst nicht. Verhandlungen mit ihr waren Routine und so spektakulär wie die kirchliche Liturgie. Der Richter fragte nach dem Motiv. Sie antwortete: „Wann i was siech, was ma gfallt, nutzen halt alle Vursätz nix mehr.“ Selbst wenn sie Vorsätze vergaß, war es nach dem Gesetz „vorsätzlicher Diebstahl“. Verhandlung geschlossen. Arrest!

Als in den 60er Jahren unter Justizreformer Christian Broda der Trend „Therapie statt Strafe“ einsetzte, begannen sich die Psychiater mit ihr zu befassen. Gehört sie ins Gefängnis? Wird sie aufhören? Ihre Beuten waren so gering, dass die Taten in keinem Verhältnis zum Strafrisiko standen. Selbst der damalige Kolumnist des Massenblatts „Kronen Zeitung“, Richard Nimmerrichter alias „Staberl“, setzte sich für eine Therapie der alten Dame ein. Doch die Psychiater fanden nichts, was sie „therapieren“ wollten.

Keine Kleptomanie?

Heinrich Gross, SPÖ-Günstling der damals in den Kinderschuhen steckenden Wiener Nachkriegspsychiatrie und Jahre später selbst Verdächtiger mit Mordanklage in Jack-Unterweger-Dimension, befand, dass Hedwig Thoman zwar „mittelschwer psychopathisch, aber nicht geisteskrank“ sei. Sie betreibe Taschendiebstahl „sportiv“, „als Jagd“. Gross, 2003 endgültig in Ungnade gefallen, erkannte keine „Kleptomanie“, sie sei „zurechnungsfähig“. Zeitungsautoren wie Peter Michael Lingens bezweifelten das vehement, konnten sich aber gegen die Allmacht des Fließbandpsychiaters (Gross erstellte 16.000 Gutachten) nicht durchsetzen. Thoman sammelte Haftjahr und Haftjahr, womit sie ins Buch der Rekorde gehört.

Der längstdienende Häftling Österreichs war eine Frau: Taschendiebin Hedwig Thoman. (Foto: 1969 nach 54 Jahren Haft)

Hedwig Thoman war keine Heldin, auch keine „Königin der Taschendiebe“. Sie war eine Verliererin. Aber an ihr versagte auch das System der Justiz und des Strafvollzugs. Fast 56 Jahre Haft sind unrühmlicher österreichischer Streckenrekord. Niemand, kein Weinwurm (51 Jahre), kein Engelseder, kein Bergmann, kein Karl griffen so ins Leere. Zu unterscheiden ist, dass diese Herren Kapitalverbrecher und Mörder waren. Thoman griff mit langen Fingern in fremde Taschen, verletzte niemanden und saß fast ihr gesamtes Leben in Haft.

Aufgelassenes Grab

Sie starb um 1975 im Alter von 90 Jahren. Es war trotz umfassender Recherchen nicht möglich, den genauen Todeszeitpunkt zu finden. Thoman wurde in Wien begraben. Hier endet die Spur. Die Wiener Friedhofsverwaltung führt heute kein Grab zu Hedwig Thoman mehr. Bei Sozialfällen muss der Zentralfriedhof eine Stelle zehn Jahre lang pflegen. Danach wird sie freigegeben.

Hedwig Thoman lebt nur als tragische Legende der Kriminalgeschichte weiter. Ihre letzte Ruhestätte wurde Mitte der 80er Jahre einplaniert und ist heute ein Stück grüne Wiese.

Marcus J. Oswald (Ressort: Nachgesang)

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