Worte mit Aussicht

Sammelband mit Geschichten aus Österreichischen Haftanstalten. (Archiv Oswald 1090)

(Wien, im März 2005) Sechzehn Jahre hat es gedauert, bis 2001 erneut ein bundesweiter Literaturwettbewerb in österreichischen Strafanstalten stattfinden konnte. Zwei weitere Jahre, bis das Buch erscheinen konnte.

Der schlicht gehaltene Band Ein Land so karg und aufgerissen… enthält elf ausgezeichnete und 54 nicht prämierte Erzählungen aus dem Umraum der totalen Institution. 142 Aufsätze wurden durch Haftinsassen eingereicht. Handgeschrieben, ohne Hilfsmittel oder geräumige Schreibtische. Nicht länger als sechs Manuskriptseiten sollten die Beiträge sein.

Da Justizanstalten zu den wenigen sich selbst erhaltenden (und zeugenden) Systemen der Gesellschaft gehören, entstand der Band in einem Solidarakt liebevoller Selbstbefruchtung: Eine Jury unter Vorsitz von Erika Pluhar kürte die besten Beiträge. Johann Koller aus der Steiner Außenstelle Oberfucha schrieb alle Manuskripte sorgfältig nieder, wobei auf grammatikalische Korrektur in weiten Strecken verzichtet wurde. Häftlinge der JA Stein betrieben Fotosatz, Druck und Bindung. Die Oberaufseher im Justizministerium (Sektion V) förderten mit gutem Willen. Die ARGE Katholische Gefängnisseelsorger (Dr. Kuhn und Dr. Trimmel) leitete das Projekt.

Authentizität statt Akademikerzirkel

Die Beiträge leben weniger von der literarischen Höhe als von Authentizität und autobiografischem Bezug. Eine Haftanstalt ist kein Akademikerzirkel, in dem philosophische Klassen staatspolitische Fragen erörtern. Dem Insassen ist im Überlebenskampf das Hemd näher als der Rock.

Eine Anstalt besteht aus einem zusammengewürfelten Haufen von Menschen unterschiedlicher sozialer und regionaler Schichten. Erst kürzlich sagte der mittlerweile demissionierte Justizminister Dieter Böhmdorfer bei einer parlamentarischen Anfrage, dass in österreichischen Gefängnissen 107 Sprachen gesprochen werden.

Damit waren einige Insassen vom Literarischen Wettbewerb ausgeschlossen. Verkehrssprache blieb deutsch. Jene Beiträge, die ins Buch kamen, geben nur einen Ausschnitt der österreichischen Lebenswirklichkeit wieder.

Unterdrückte Phantasie

Die soziologische Besonderheit der Literatur aus dem Gefängnis bleibt der starke Drang nach Ausleben von Phantasie und Niederschrift des verdichteten Lebens. Das ist nicht erst so, seit Donatien-Alphonse-Francois de Sade, der französische Richter und spätere Gerichtsvollzieher, bekannter als Marquis de Sade, 1790 das legendäre 3. Buch der 120 Tage von Sodom, kurz, die Verbrecherischen Passionen im Gefängnis abfasste. Er schrieb diese ungeheuerlichen Sexualphantasien bei Kerzenlicht mit Gänsekiel im Verließ nieder.

Verglichen damit, ist heutige Gefängnisliteratur handzahm und schöngeistig. Dennoch kümmern sich einige Texte im Buch nicht um Wohlklang der Worte. Die besten Texte ziehen schonungslose Bilanz und pressen sie auf Papier. Das geschieht oft in harter Sprache, ungekünstelt und für den Moment klar.

Pseudonym verdeckt Biografien

Alle 65 Beiträge sind anonym oder unter Pseudonym veröffentlicht. Das überrascht und ist unnötig. In Österreich ist die nachträgliche Beeinträchtigung des sozialen Fortkommens eines Straffälligen per Gesetz untersagt. Die Auslober des Wettbewerbs verbergen die wahren Gesichter der Autoren. Hier ging auf halber Wegstrecke die Courage verloren. Das ist schade, denn zur Selbstfindung durch das Schreiben gehört das Selbstbekenntnis zum Lebensumstand. In früheren Zeiten bekannten sich Häfenautoren wie Johann „Jack“ Unterweger, Heinz Sobota, Heinz Karasek, Bela Rabelbauer, Johann Synek, Otto Rudolf Braun, Helmut Frodl oder Antonio Negri (Italien) zum begrenzten Umstand, in dem ihre Schriften entstanden. Sie zeichneten selbstbewusst mit vollem Namen.

Der Sammelband verbirgt also einiges. Er birgt aber auch viel. Das Bekömmliche, Unterhaltsame, Satirische, Ironische, das heutiger Erzählliteratur oft anhaftet, findet man in diesem Band nicht. Es zeigt Menschen an Wegmarken, in Trauer, im Extremzustand. Durch diesen offenen Ansatz bezieht das Buch Qualität.

Bücher über „Literatur im Verborgenen“ sind rar. Sie haben am Buchmarkt keine Nische und kaum Leser. Doch eben weil sie außerhalb des Massenangebots erscheinen sind es Bücher, die Jahrzehnte überdauern. Sie bleiben interessant, da sie ein gesellschaftliches Randphänomen von Innen präzise ausleuchten.

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Literarische Beiträge aus dem Gefängnis. ARGE der Katholischen Gefängnisseelsorger Österreichs. Stein, 2003. 218 Seiten. Preis auf Anfrage in der Justizanstalt Stein.

Marcus J. Oswald (Ressort: Buch, Rezension)

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