Gerhard Möser – Männer, Mädchen, Moneten

12 Jahre Haft - Verlag gegründet - Bucharchiv Blaulicht und Graulicht.

(Wien, im Februar 2005) Einst war Gerhard Möser Szene-Gastronom in Graz, dann in Monaco. An der Cote d’Azur gründete er das Cafe Mozart, später zwei Bars. Dazu 1991 einen Supermarkt mit österreichischen Spezialitäten. Monatsmiete allein dafür: 250.000 Schilling. Gerhard Möser war 37 Jahre alt und das, was man einen „Macher“ nannte.

Zu diesem Zeitpunkt hätte er Hühnerkacke zu Geld machen können. In seinen Händen lagen Midas-Kräfte. Fotos aus goldenen Zeiten zeigen einen cute guy, einen smarten Unternehmer mit Hornbrillen vor zwei Rolls Royce und einem roten Lamborghini. Verheiratet, zwei Kinder. Er badete im Erfolg. Das war Anfang 1991.

Dann stöckelte ein Huhn namens „Nancy“ aus den USA über die Insel der Crimaldis. Sie war Fotomodell in Florida gewesen, attraktiv, im Wesen vergänglich, kokainabhängig und ohne Einkunft. Nun ließ Gerhard Mösers Geschäftssinn nach. Er verlor die Kosten-Nutzen-Rechnung aus dem Auge, erlag dem schönen Schein der Oberfläche.

Selbstverschuldete Misere

Manche Frauen sind nur mit Geld zu halten. Dem Halter von schnittigen Autos war das nicht klar. Sagt er heute selbst. Diese reuige Selbsteinsicht zieht sich als Kernargument durch das glänzend geschriebene Buch „Entführung aus Liebe“, das Möser Ende 2004 im dazu gegründeten Wiener Eigenverlag „Concord“ herausbrachte.

Das US-Model war anspruchsvoll, später raffgierig, am Ende rücksichtslos-enthemmt. Gerhard Möser war kein Geschenk zu billig. Er wurde puppet on a string, wie es Amerikaner nennen – eine Marionette! Seine Ehe ging baden. Er ließ sich für das Modell „Nancy“ im Sommer 1991 scheiden, finanzierte ihre Kauf- und Kokainsucht. Als die Bank Kredite fällig stellte, seine Goldene AmEx nur noch PVC Wert war, folgte auf das High Life der Crash. Möser begann selbst zu koksen, unternahm einen Selbstmordversuch. Eine alte Weisheit sagt: Wer sein Hirn durch Drogen aufweicht und es zudem unterhalb der Gürtellinie trägt, wird kriminell. Windige Freunde leisten das ihrige.

Flick-Entführung: Aktion Code F 40

Die Idee des Münchner Autohändlers, den Schwager des Industrieellen Friedrich Flick zu kidnappen, war dumm. Der Flick-Schwager lebte als kleiner Monteur im Bad St. Leonhard (Kärnten). Man plante 10 Millionen DM zu erpressen. Stichtag der Aktion Code F 40, benannt nach dem Ferrari F 40, war 18. Dezember 1991. Möser gabelte zwei trinkfreudige Bosnier auf einem Bahnhof als Komplizen auf.

Die Umsetzung geriet zum Desaster. Der Lokalaugenschein, bei dem die Route von Kärnten nach Wien zwei Tage abgefahren wurde, zeigt das. Möser beschreibt es im Buch zwischen Seite 72 und 92. Endstation Geldübergabe in Wien. Möser floh ins Ausland, wurde am 25. Februar 1992 in Miami verhaftet, bald ausgeliefert und verurteilt.

Heute sieht er die Ereignisse – geläutert nach zwölf Jahren Haft, die er bis auf fünf Wochen absaß – in Distanz zu sich selbst. Das Buch reicht Persönliches nach, wofür im Prozess nicht Zeit war. Es ist im klassischen Sinn „Selbsterklärungsliteratur“. Man muss Möser anrechnen, dass er es nicht so machte, wie Helmut Frodl, der 1993 in seinem Roman aus der U-Haft, „Außer Kontrolle“, eine gänzlich neue Version des Geschehens vorlegte, um den Prozess zu beeinflussen.

Möser veröffentlichte sein Buch erst 12 Jahre nach dem Ereignis. Auch in der Wahl des Erzähltons unterscheidet er sich merklich von anderen österreichischen All-Time-Klassikern der Haftliteratur wie „Der Minusmann“ oder „Der Ganove“, die noch ein dezidiertes Bekenntnis zur Unterwelt abgaben.

Dialogreiche Sicht des Entführers

Natürlich kalkuliert auch Möser. Auf Seite 106 heißt es: „Das Buch muss Entführung aus Liebe heißen. Das sind zwei Codeworte, eines für die Frauen, eines für die Männer: Liebe und Entführung.“

Das Buch gerät nicht zur Anklage gegen den Staat, sondern erzählt einen Lebensweg zwischen Erfolg und Scheitern. Formal geschieht das fast drehbuchhaft. Eingerahmt zwischen 25. Februar 1992 und 24. November 1992, von Festnahme bis Urteil, wird in Tagebuchnotizen und Gedanken selbstkritisch Lebensbilanz gehalten.

Möser führt einen Dialogpartner ein (der Leser dankt!), am Anfang den Zellengenossen Alexander, dem er in der Klagenfurter Zelle in die Schreibmaschine diktiert, später sein Diktiergerät, mit dem er Selbstgespräch führt. So entsteht eine dialogreiche Biografie, an der der Leser teilnimmt. Das macht diese Fallerinnerung durchaus sympathisch.

Sohn Sven – seit 2003 Wachkomapatient

Freilich zeigt das Buch nur die Sicht des Entführers, nicht des Entführten. Bei diesem entschuldigt sich Möser aber ausdrücklich zu Beginn des Buches. Einen zweiten Sympathiepunkt hat das Buch – und dieser sprach sich bereits herum. Als der Rezensent kürzlich in der Mensa der Wiener Universität ein günstiges Mittagsmahl einnahm und das Buch bei sich trug, sprach ihn die Kassakraft spontan an: „Ah, Sie haben das Buch schon? Er will damit ja ein Wachkomazentrum für Kinder finanzieren. Das ist eine sehr gute Idee.“

Das ist nun die neue Aufgabe im dritten Leben des Gerhard Möser. Während er in Haft saß, sprang sein Sohn bei einem Badeurlaub in Monaco ins Wasser, fiel hart und wachte nie wieder auf. Bis heute.

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Gerhard Möser: Entführung aus Liebe. Concord Verlag, Wien 2004. 216 Seiten. 24,90 Euro

(Nachtrag, 15. August 2008: Sohn Sven starb Anfang 2007 nach 3.5 Jahren im Wachkoma an einem Keim, den er sich im Krankenhaus zugezogen hatte. Seither sattelte Gerhard Möser um, zog nach Kärnten und beschäftigt sich mit dem Vertrieb von Nanotechnologie-Produkten)

Marcus J. Oswald (Ressort: Buch, Rezension)

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