Josef Weinwurm tot (1930-2004)

Josef Weinwurm (Haugsdorf, 16.09.1930 - JA Stein, 22.08.2004)

Das ewige Gefängnisleben des Josef Weinwurm

(Text: Marcus J. Oswald - Fotos: Sepp Zaunegger)

(Wien, im September 2004) Der längstdienende Häftling Österreichs hat ausgedient. Josef Weinwurm ist tot. 41 Jahre saß er wegen einer Bluttat am 12. März 1963 in österreichischen Gefängnissen, zuletzt fast vier Jahrzehnte in Stein an der Donau. Insgesamt, mit allen Vorhaften aus den 50er Jahren, waren es 51 Jahre Haft in einem 74-jährigen Männerleben. Zuletzt blieben alle Bemühungen von Außen und durch ihn selbst, eine Entlassung zu erreichen, erfolglos. Für die Justiz löste sich ein Problem von selbst. Am 22. August 2004 starb der Wiener im Krankenrevier der Justizanstalt Stein.

Josef Weinwurm 1963. (Foto: Archiv)

Josef Weinwurm hat viele überlebt. Manche Justizbeamte gingen unter ihm in Rente. Manche, die schon 30 Jahre in Stein Dienst schieben, kannten ihn seit Beginn ihrer Laufbahn. Die ganz Jungen erfuhren Genaueres über ihn erst, wenn Autoren seinen Fall wieder einmal ausgruben und alle 20 Jahre in die Zeitungen hievten. In der Schattenwelt der Kriminellen war „der Weinwurm“ das, was „der Meinrad“ in der Theaterwelt, „der Sindelar“ in der Fußballwelt oder „der Sailer“ in der Alpinwelt war. Er galt etwas. Er hatte einen Namen. Auf seine beschränkte Weise war Weinwurm Monument und Zeuge einer verlorenen Zeit.

Wie hoch der Status des Delinquenten Josef Weinwurm in der österreichischen Zeitgeschichte ist, zeigt, dass selbst Hugo Portisch, Mann der langen Worte, den kurzen „Mord in der Wiener Staatsoper“ auf zwei großen Druckseiten (S. 182 – 183) in seinen All-Time-Klassiker heimischer Historienschreibung, „ÖSTERREICH 2“, aufnahm. Der Kriminalfall steht dort Seite an Seite mit Beiträgen zu den Beatles, Herbert von Karajan und Franz Olah. Dass sich auch elitäre Vordenker der Hochkultur und Vertreter von Salonrunden mit ihm beschäftigten, belegt, dass „Opernmörder Weinwurm“ auch in Theodor W. Adornos Briefkorrespondenz mit Lotte Tobisch (von) Labotyn, Organisatorin des Wiener Opernballs, Einzug fand.

Messerattentat mit Einschnitten

Das Messerattentat am 12. März 1963 hatte einschneidende Folgen. Ein 11-jähriges Mädchen starb, eine fünfmonatige Flucht vor den Ergreifern begann. Der 33-jährige Josef Weinwurm aus der Gentzgasse floh nach Salzburg, München und kam wieder zurück. Zum Tatzeitpunkt war er gerade aus dem „Arbeitshaus“ Göllersdorf entlassen und acht Tage freier Mann. Den Brotjob in einem Kalkwerk quittierte er nach vier Tagen. Die Bluttat war Blitzentscheidung ohne Planung. Das Schulmädchen kreuzte am Weg zur Ballettprobe auf der Treppe der Staatsoper seinen Weg. Die Tat fand in den Umkleidekabinen im zweiten Stock um 17 Uhr 01 statt, während die Ouverture zu Richard Wagners „Walküre“ lief. Dass die Aufführung nicht abgebrochen wurde, gibt Einblick in die Wiener Seele. Erst um 22 Uhr wurden alle Gäste von der Polizei perlustriert. Weinwurm saß zum Zeitpunkt schon im Zug „Wiener Walzer“ nach Salzburg.

Marcus J. Oswald im Gespräch mit einem Mann, der Weinwurm kannte.
(Foto: Sepp Zaunegger, 7. September 2004)

Am 6. August 1963 wurde er am Wiener Tuchlauben festgenommen. Kein Ergebnis gewiefter „Zielfahndung“, sondern Zufall. Weinwurm wollte am Tuchlauben 3 einer 64-jährigen Frau die Handtasche entreißen. Die Frau verjagte ihn, er flüchtete ins Nachbarhaus Tuchlauben 5. Der 23-jährige Sicherheitswachebeamte Johann Kowarik vom Wachzimmer ,,Am Hof“, der später sagen wird, ,,Ich habe einfach Glück gehabt“, ging ins Nachbarhaus und nahm den 33-jährigen im Stiegenhaus fest. Es war der letzte Tag des Josef Weinwurm in Freiheit.

Der Prozess brachte keine Überraschungen. Ex-Häftling Weinwurm hatte einen „Armenverteidiger“, schlechte Rechtsberatung, war homosexuell und äußerte sich im Gerichtssaal über Frauen auf ungeschickte Weise nicht eben freundlich. Seine betagte 67-jährige Mutter half nicht wirklich, indem sie private Äußerungen brühwarm dem Gericht bekannt gab. Somit war klar: „Lustmörder“ und „Frauenhasser“ Weinwurm gehörte aus dem Weg geräumt. Er hatte in einem Wiener Heiligtum einen Mord begangen. Die Fließbandgutachter der damals in den Kinderschuhen steckenden Wiener Nachkriegspsychiatrie, Dr. Rolph Jech und Dr. Heinrich Gross, waren nicht gewillt, ihn zurechnungsunfähig zu erklären. Nach fünf Prozesstagen folgte am 10. April 1964 der Schuldspruch und „Lebenslang“. In drei Nebenpunkten folgte ebenso ein Schuldspruch. Die Wiener konnten wieder beruhigt in die Oper gehen. Niemand ahnte, dass Josef Weinwurm die Freiheit nie wieder erlangen wird. Es kümmerte auch keinen.

Zuerst Schock, dann Strukturanpassung

Zu Haftbeginn reagierte Weinwurm im Schock. Der Mann, der bisher ein kleiner Einschleichdieb war und keine langen Haften verbüßte, schnitt sich 1966, mit 36 Jahren, im Akt der Verzweiflung die Bauchdecke mit einem Messer der Querseite auf. Er wollte in die relative ,,Freiheit“ eines Spitals. Dabei vergaß er: Selbstverstümmelungen sind in den Augen der Justizwache keine Besonderheit. Nach dem Spitalsaufenthalt kam er wieder nach Stein zurück.

Wenn keine Angehörigen mehr da oder willens sind, an einem Begräbnis teilzunehmen, geht in Stein symbolisch ein Beamter der Justizanstalt beim Begräbnis mit. Er war der einzige Gast. (Foto: Josef Zaunegger)

Dann hielt er sich tapfer. Es begann die Zeit der Selbstdisziplin und Scheinanpassung an den Strukturbetrieb Gefängnis. Es folgten die 70er Jahre, in deren Mitte Christian Broda die große Strafrechtsreform umsetzte. Änderungen im Vollzug kamen. Verordnete das Urteil Weinwurm noch ,,ein hartes Lager“ und „einen Fasttag“ pro Monat und „Dunkelhaft“ am Tag der Tat, fielen diese Auflagen ab 1975 weg. In den 80er Jahren kamen weitere Reformen, die Humanität in den Haftalltag brachten. 1979 wurde Weinwurm von Amts wegen auf eine Entlassung geprüft und abgelehnt. Die Mutter, letzter Anker in die Freiheit, starb. Nun schien kein gutes Licht auf sein „soziales Umfeld“. Eine Reintegration in die Gesellschaft wurde im konservativen Krems in Zweifel gezogen, „er hatte ja niemanden mehr draußen“. Weinwurm saß bald 25 Jahre in Haft, bald 30, bald 35. Als ein alter Häfengenosse, der Dreifach-Mörder Ernst Karl, 2001 mit Darmverschluss und eingeschlagener Nase im „Gurtenbett“ der Justianstalt Stein verreckte, saß Josef Weinwurm, mittlerweile Steiner Musterhäftling und Vorzeigebeispiel, was ein Mensch alles aushalten kann, 38 Jahre in Haft.

Man hörte nichts mehr von ihm. Besuche erhielt er keine mehr. Briefe schrieb er keine. Bekanntschaften nach Außen lagen still. Er lebte in seiner Einzelzelle, auch später am Krankenrevier, und war nicht sehr gesellig. Seine ganze Liebe galt den Vögeln, mit denen er sich beschäftigte. Für sie kaufte er Torten und Extrabrote. Sittiche und Tauben wurden seine Bezugspunkte. Er galt als der „Birdman“ von Stein. Zugleich galt er als „Pflegefall“, der die letzten fünf Jahre in der so genannten „Geriatrieabteilung“, die Anstaltsleiter Schreiner in den 70er Jahren für gebrechliche Gefangene errichtet hatte, auf sein Ende wartete.

Chefermittler sah Weinwurm als „bedauernswerten“ Menschen

Im jungen Leben Weinwurms spielte Franz Blasko eine zentrale Rolle. Der heute 84-jährige Wiener war sein „Chefermittler“. Als Kriminalbeamter mit Englisch- und Spanischkenntnissen war Blasko von 1947 bis 1966 in der Mordkommission des Sicherheitsbüros tätig. Im August 1963 erhielt er vom Gericht die Genehmigung, „zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihm ins Gefängnis zu gehen, um mit ihm zu reden.“ Nach 13 Verhörtagen brachte er Weinwurm durch „humane Gesprächsweise“ (Blasko) am 27. August 1963 zum umfassenden Geständnis.

Nur ein Freund, ein Mann aus früheren Tagen, der ihn in Stein kennengelernt hatte, trug den Sarg mit. Die Schwester aus Wien kam nicht zum Begräbgnis. (Foto: Josef Zaunegger)

Blasko, seit 1985 pensionierter Hofrat, seit zehn Jahren Witwer und nach vier Augenoperationen fast blind, verfolgte den Tod Weinwurms im Fernsehen. „Ich saß ganz nah am Schirm und sah sogar mein Bild.“ Das Ableben Weinwurms bewegte ihn sichtlich. Er hatte ihm 1963 ein großes Versprechen gegeben, an das er bis heute fest glaubte: Dass er irgendwann die Freiheit wieder sehe. Blasko: „Der Mann hätte verdient, das zu bekommen, was viele andere bekommen, die im Grunde genommen nicht besser gewesen sind als er“. Beim Verhör schwor er Weinwurm: „Schauen Sie, Sie werden sicher eines Tages wieder entlassen werden und dann haben Sie noch Zeit, sich ein neues Leben aufzubauen.“ Blasko: „Das war vielleicht auch ein Grund, warum er zu mir ein so großes Vertrauen gehabt hat.“

Der damals 43-jährige Ermittler sah den 33-jährigen Mörder „zunächst als Mensch und dann erst als Straftäter. Ich wollte Weinwurm unter die Haut gehen, um zu erkennen: Was ist das für ein Mensch?“ Bald habe sich herauskristallisiert, dass „dieser Mensch, obwohl er eine schreckliche Tat begangen hat, eigentlich bedauernswert war.“

Für seine humane Gesprächsführung wurde Blasko später heftig kritisiert. Da er sich mit Polizeimethoden der 60er Jahre, Geständnisse aus Verdächtigen herauszuprügeln, ohnehin nicht anfreunden konnte, verließ er 1966, bald nach dem „Fall Weinwurm“, das Sicherheitsbüro. Er tat noch Dienst im Innenministerium, dann im Außenamt, wo er Attache in Südamerika wurde. Bis heute versteht er nicht, dass sich niemand für eine bedingte Entlassung Weinwurms einsetzte. In heutiger Zeit gilt das „Geständnis“ als stärkster Milderungsgrund. Bei Weinwurm offenbar nicht. „Er war ein Sonderfall“, so Blasko, und das, „obwohl er 1963 alles gestanden“ hat. „Er hat absolut kooperiert mit mir.“ Und: „Er legte ein so umfassendes Geständnis ab, sodass mir sogar der Untersuchungsrichter sagte: Wir brauchen nichts mehr machen. Ihre Arbeit reicht dem Staatsanwalt für die Anklage aus.“ Blasko, heute auf Distanz zu einem gnadenlosen Justizsystem: „Man legt beim Strafvollzug sehr viel Wert auf Strafvollzug, aber es wird kein Wert darauf gelegt, dass das Menschen sind, die eine Hoffnung haben, noch einmal in Freiheit die Chance zu bekommen, ein neues Leben aufzubauen. Es wird keine Ausstiegshilfe geboten.“

Lebenslage lebenslang: Versagen des Justizsystems

Mit dem Tod Weinwurms löste sich ein Problem von selbst. Alle – Ministerium, LG Krems, JA Stein – sind froh, dass sich nun niemand mehr von Außen einmischt. Trotzdem bleibt eine Frage unbeantwortet: Wie konnte es zu diesem eklatanten Versagen im Strafvollzugssystem kommen? Wie konnte eintreten, dass ein Mann 41 Jahre für eine Straftat im Gefängnis sitzt? Wie geschehen, dass der „Lebenslange“ Weinwurm um 15 Jahre länger saß, als der zweitlängste „Lebenslange“ in Stein (26 Jahre). Warum fragte der Landesgerichtspräsident von Krems, Dr. Hans Pollak, seit 15 Jahren Mitglied der Vollzugskommission, nicht ein einziges Mal in der Haftanstalt nach, wieso zu Weinwurm ein Jahrzehnt kein Entlassungsantrag kam? Warum übernahm der oberste Vollzugsbeamte im Wiener Justizministerium, Dr. Michael Neider, ein Mann von hoher Bildung und lukullischer Opernliebe, keine Sorgepflicht über einen greisen Häftling, der seit einem Jahrzehnt keinen Entlassungsantrag mehr stellte?

Tod nach 41 Jahren durchgehender Haft. (Foto: Josef Zaunegger)

Geht man davon aus, dass der Infodienst „orf.at“ die heimische vox populi verkörpert, eine eingängige „Stimme des Volkes“, dann dürfte jener namenlose Redakteur, der am 24. August 2004 die kühne Meldung zu Weinwurms Tod verfasste, in der Banalität, die Gedankenlosigkeit ausdrückt, Recht behalten: „Irgendwann hatte er sich damit abgefunden“. Das ist banal, gedankenlos, bösartig: Abfinden hätte er sich mit einer unheilbaren Krankheit müssen, mit Krebs oder einem Herzklappenfehler. Nicht mit 41 Jahren Haft, gegen die er nicht mehr ankämpfte.

Das kollektive Versagen aller Beteiligten spiegelt sich in deren Untätigkeit. Schuld haben auch Journalisten, die zu wenig Einsatz zeigten. Das Justizministerium ist natürlich kein Musterhaus für Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich stößt man in Justizanstalten auf dicke Mauern des Schweigens. Wer einmal in der Offiziersmesse der JA Stein zu Mittag aß (und sich von Häftlingen bedienen ließ), weiß, wie straff die Hierarchie bis hin zur Sitzordnung im Speisesaal innerhalb der Wachmannschaft funktioniert. Natürlich stößt man bei Nachfragen dort nicht auf Watte. Doch im April 2004, zum 40. Jahrestag von Weinwurms Verurteilung, brachten Recherchen Interessantes zu Tage. Führt man die Ergebnisse vor Augen, fragt man sich, warum nie eine Freilassung Weinwurms zustande kam.

So bestätigte am 9. April 2004 die Hausjuristin der JA Stein, Dr. Karin Pistracher, zuständig für Ordnungsstrafen und Beschwerdewesen, dass Weinwurm seit drei Jahrzehnten „keine Ordnungsstrafe“ mehr erhalten hat. Er galt als „Musterhäftling“.

So bestätigte am 9. April 2004 Oberst Helmut Hrdina, seit 33 Jahren in der JA Stein und stellvertretender Anstaltsleiter, dass sich Weinwurm „hervorragend führt“. Er sei ein „problemloser Häftling“. Und fügte emotionslos hinzu: „Weinwurm wird bei uns sterben.“ Denn er sei „Pflegefall“.

Wie unterschiedlich man eine Sache sehen kann, zeigten Nachfragen im Wiener Justizministerium. Ein Vorzimmerjurist von Sektionschef Neider, ein gewisser Dr. Drexler, bewies, dass es noch Leute gibt, die ein klares Weltbild haben. Der Schreibtischbürokrat fabulierte im Gespräch am 9. April 2004 in Unkenntnis der Aktenlage ins Blaue: Es gäbe Häftlinge, „bei denen sich die Gefahr nicht abbaut“. Und: Bei Weinwurm habe das „Gefängnis einen humanitären Anstrich, da es ihm in der Anstalt besser geht als in Freiheit, wo er niemanden hat“.

Sein Vorgesetzter, Sektionschef Dr. Michael Neider, Boss aller Justizanstalten, der seine Autorität auch lautstark beweist, versuchte am 9. April 2004 das Bild der ewigen Festhaltung Josef Weinwurms zu korrigieren: „Nie wieder herauskommen, kann man so nicht sagen. Das kann man so kategorisch nicht sehen.“ Und fügte kleinlaut hinzu: „Man hat auf Weinwurm einfach einmal vergessen. In den 80er Jahren hätte man noch eine Chance gehabt, ihn zu entlassen.“ Trotzdem konnte sich Neider „vorstellen“, dass er irgendwo „im Altersheim“ lebt. „Aber dazu muss er einen Antrag stellen.“

Angeblich war „Gutachten“ für Entlassungsantrag in Arbeit

Am 13. April 2004, in einem zweiten Gespräch, zeigte der Sektionschef dann plötzlich Tatendrang. Das Gespräch begann so: „Wir haben auf Grund unseres ersten Telefonats eine Entscheidung getroffen“. Frage: „Wer sind wir?“ „Die Justizanstalt Stein“. „Welche Entscheidung?“ Neider: „Wir geben ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag. Ein externes Gutachten, mit dem wir auch die Arbeit unserer beiden Psychiater vor Ort überprüfen. Bei dieser langen Haftzeit haben wir als Anstalt auch eine Fürsorgepflicht.“ „Wann ist mit einem Ergebnis zu rechnen?“ Neider: „In zwei bis sechs Monaten.“ Das wäre im September 2004 gewesen.

Josef Weinwurm hatte keine Lobby mehr und verlor den Willen, wieder aus dem Gefängnis entlassen zu werden. (Foto: Josef Zaunegger)

Ein „Lebenslanger“ wird nach § 46 StGB, Abs 5 nur ein Mal – nach 15 Jahren – von Amts wegen auf Entlassung geprüft. Dann nur mehr auf eigenen Antrag. Dann folgte ein Gutachten für das Gericht. Das Landesgericht Krems ist in Erst- und Letztinstanz für alle vorzeitigen Entlassungen aus Stein zuständig. Auf Anträge oder Gutachten wartete Dr. Hans Pollak schon lange. Pollak ging am Freitag, 9. April 2004, um 13 Uhr persönlich zum Telefon. „Wenn niemand mehr da ist, hebt der Präsident das Telefon ab.“ Der Jurist, seit 15 Jahren „Beisitzer“ und seit acht Jahren mächtiger „Vorsitzender“ der Entlassungskommission (3er Senat für 800 Häftlinge) im LG Krems: „Eine Akte Weinwurm ist mir seit zehn Jahren nicht mehr untergekommen.“

Dass Weinwurm keinen Antrag auf Entlassung mehr stellte, sah Pollak fast lakonisch: „Wenn er nicht will, muss er keinen Antrag stellen.“ Und: „Offenbar hat er keinen Anlass, in Freiheit zu gehen.“ Die Standardfloskel folgte: „Er ist ein Sonderfall.“

Er wäre kühn gewesen, von einem neuen, „amtlichen Gutachten“ viel zu erwarten. Selbst bei einem „externen Gutachten“ durch einen so genannten „unabhängigen Psychiater“ (Sektionschef Neider) wäre vermutlich nicht viel Neues herausgekommen. Der Name des „Gutachters“ wurde übrigens nie genannt. Bleibt die Frage, ob Neiders Ankündigung auf Journalistennachfrage im April 2004 nicht bloß geschicktes Abdeckungsmanöver war, um lästige Fragen abzuwimmeln.

Und: Ein „externes Gutachten“ wäre kein Freilos gewesen. Ein Vollzugsgericht kann ihm folgen oder sich hinweg setzen. Präsident Pollak war nämlich gar nicht so überzeugt: Natürlich konnte auch er sich „vorstellen“, dass Weinwurm nach 41 Jahren Haft „in Freiheit in einem Altersheim oder einer Geriatrie lebt.“ Aber: „Vermutlich will er das gar nicht, weil er bessere soziale Kontakte in der Justizanstalt hat. Vielleicht sagt er, dort kenne ich niemanden, hier aber zwei, drei Leute. In Stein hat er seine Gewohnheiten.“

Mit Gerichtspräsidenten zu diskutieren, kann interessant sein wie Haare spalten. Frage: „Herr Gerichtspräsident, aber erlauben Sie die etwas rechtsphilosophische Frage: Ist das höchste Gut des Menschen nicht seine Freiheit?“ Pollak: „Das stimmt, aber er sieht es offenbar anders.“ Frage: „Aber muss man ihm nicht klar machen, dass er als Mensch sein höchstes Gut in Anspruch nehmen muss?“ Pollak: „Ja, aber er will es offenbar nicht.“ Frage: „Aber ist eine staatliche Justizanstalt nicht verpflichtet, einen Gefangenen auf seine Entlassung vorzubereiten?“ Pollak: „Ja, aber, wenn er keinen Antrag mehr stellt, dann kann man nichts machen.“

Der Sarg wird zum Armengrab getragen. (Foto: Josef Zaunegger)

Christian Broda formulierte schon am 20. Juli 1960 in einer Rede zum Thema „Möglichkeiten und Grenzen der Besserung“ vor dem Bundesrat einen treffenden Satz: „Die Gesellschaft ist so stark, wie stark sie ihren schwächsten Gliedern gegenüber ist.“ Unsere heutige Gesellschaft, die sich nach 41 Jahren Haft keine Entlassung eines Mannes zutraute, muss also schwach sein.

Am Ende: Armenbegräbnis

Josef Weinwurm hatte ein seltsames Schicksal. Es gibt Leute, die eine Straftat begehen und sich kurz danach umbringen. Josef Weinwurm beging im Alter von 33 Jahren eine schwere Straftat. Dann wartete er 41 Jahre. In diesen Jahren geschah weder die Abbuße seiner Schuld, noch eine Freilassung. Er starb nicht als freier Mann, der Verantwortung trug, sondern als inhaftierter Mörder, weil ihm die Gesellschaft den Humankredit versagte.

Josef Weinwurm war von 1963 durchgehend inhaftiert und verließ die Justizanstalt im Sarg.
(Foto: Josef Zaunegger)

Am 22. August 2004 erlag er in seiner Einzelzelle dem Herzinfarkt. Er wurde 74 Jahre alt. Lange Jahre wartete er auf einen Besuch seiner Schwester. „Sehnsüchtig“, wie eine priesterliche Vertrauensperson weiß. Doch sie kam nicht. Als er am 7. September 2004 um 9 Uhr 30 am Kremser Friedhof bestattet wurde, begleitete ihn auf seinem letzten Weg eine einzige Person: Ein von der Justizanstalt abgestellter Beamter. Sonst waren keine Gäste da. Um 9 Uhr 25 startete in der Aufbahrungshalle das Tonband mit Musik. Eine Minute sprach Anstaltspfarrer Leszek Urbanowicz Worte des Abschieds. Das Rednerpult blieb leer. Partezettel gab es keine. Zehn Minuten später hoben vier Träger den ärmlichen Sarg aus weißem Holz in die Grube. Ein Sargträger war vor zehn Jahren selbst einmal Stein-Insasse und Hausarbeiter in Weinwurms Stock. Er kannte ihn. Sonst kannte ihn hier niemand. Die Schwester aus Wien fehlte.

Josef Weinwurm ruht in der Gruppe 10 des Kremser Friedhofes. In dieser Gräberzeile liegen die „Armengräber“. Zehn Jahre lang. Dann wird auch dieses Kapitel der österreichischen Kriminalgeschichte für immer geschlossen sein. Denn in zehn Jahren wird das Grab aufgelassen.

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(Exklusivbeitrag. Der Beitrag wurde ursprünglich für eine Veröffentlichung in der Zeitschrift „Augustin“ geschrieben, dort aber abgelehnt und nicht gedruckt. Hier Erstveröffentlichung. Alle Textrechte ausnahmslos beim Autor. Alle Bildrechte bei Josef Zaunegger)

Mehr Josef Weinwurm im Ressort „Crime Classics“ (Link folgt).

Hier lesen Sie eine detaillierte Aufarbeitung des „Wiener Staatsopernmordes“, seine Ermittlung, das Randgeschehen und viele Extra-Fakten! (Link folgt)

Download – Vergleich – 1963 und 2004. (Link folgt)

Marcus J. Oswald (Ressort: Nachgesang)

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